Psychiatr Prax 2009; 36(4): 157-159
DOI: 10.1055/s-0028-1090152
Debatte: Pro & Kontra

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wissenschaftliche Originalarbeiten in deutscher Sprache – Ein Anachronismus

Original Articles in German Language are an Anachronism Pro:Dieter  F.  Braus, Kontra: Christopher  Baethge
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Publication Date:
07 May 2009 (online)

Pro

Stellt man sich die Frage, ob wissenschaftliche Originalarbeiten in deutscher Sprache heute noch zeitgemäß sind, ist es zuerst notwendig, diese Form von Veröffentlichungen zu definieren. Im Weiteren geht es darum den Kontext, also das Fachgebiet und dessen Theoriegebäude zu klären, in dem solche Arbeiten erscheinen. Und dann gilt es, die heutige Zeit und ihren Umgang mit dem globalen Wissenspool zu betrachten. Daraus können dann die Frage nach dem Anachronismus beantwortet und mögliche Perspektiven aufgezeigt werden.

Originalarbeiten in der Psychiatrie

Die Psychiatrie als medizinische Disziplin zählt heute zu den Biowissenschaften und gehört damit zu den Fachgebieten, in denen neue Forschungsergebnisse als Originalarbeiten in Fachzeitschriften vom Fachpublikum wahrgenommen werden. Diese müssen formalen und inhaltlichen Kriterien genügen, nachdem die Arbeiten von Fachgutachtern auf die wissenschaftliche Güte, ethische Grundsätze und Originalität überprüft wurden. Die Ergebnisse werden dabei in das „Theoriegebäude” der Hirn(fehl)funktion eingeordnet. Dieses ist vom „Theoriegebäude” der Geist-Seele-Funktion abzugrenzen, das von den Geisteswissenschaften gespeist wird. Bei den weiteren Ausführungen sollen Veröffentlichungen aus dem letztgenannten Bereich nicht beleuchtet werden.

Die heutige Zeit: Globalisierung auch im Umgang mit Wissen

Nicht nur im Handel auch in der Medizin befinden wir uns in einem Globalisierungsprozess, der sich in effizienterer Grundlagenforschung und in rascherem, nutzerfreundlichen Wissenstransfer äußert. Gleichzeitig haben sich in den Biowissenschaften mit der Molekularbiologie sowie den bildgebenden Verfahren neue, technisch aufwendige Möglichkeiten ergeben [1], die heute nur in interdisziplinären Gruppen und multizentrischen Studiendesigns erfolgreich und bezahlbar nutzbar gemacht werden können. Unter dem Einfluss der Naturwissenschaften wird die Theoriebildung über die Funktion des Gehirns ständig verfeinert, wobei aber feststellbar ist, dass zentrale Wissenslücken unbearbeitet bleiben, wo mangels Profiterwartung keine Industriefinanzierung besteht. Dieser (teilweise auch gefährliche) Globalisierungsprozess führt zu einem rasant wachsenden globalen Wissenspool in englischer Sprache. Der Zugang und die geschickte Nutzung dieser Quellen sind für den Erfolg einer Fachdisziplin heute unabdingbar.

Psychiatrisches Fachgebiet im Wandel

Die Fortschritte in den Biowissenschaften haben inzwischen auch die Psychiatrie erreicht, ein Fachgebiet, das Anfang des 20. Jahrhunderts in der frühen Hirnforschung verwurzelt war und das sich aufgrund fehlender methodischer Möglichkeiten in der Mitte des 20. Jahrhunderts vorübergehend stark mit den Geisteswissenschaften verbunden fühlte. Seit den 1990er-Jahren wurde der Fokus der Erforschung psychischer Störungen von der differenzierten Beschreibung der psychopathologischen Krankheitsphänomene oder sozialpsychiatrischen Fragestellungen hin zum Verständnis der neurobiologischen Basis psychischer Erkrankungen verlagert [2]. Die sehr kostengünstige „Papier-und-Bleistift-Forschung” ist heute nicht mehr möglich, lokale Besonderheiten wie die Sprache für die Psychopathologie haben an Bedeutung verloren und die Beschreibung von Versorgungsstrukturen macht nur noch im internationalen Vergleich Sinn.

Wie in den Naturwissenschaften unterliegt nun auch die biowissenschaftliche Forschung in der Psychiatrie einem globalen Wettbewerb um die Forschungsmittel. Es geht heute in der klinischen Forschung z. B. darum, den Einfluss genetischer Faktoren auf die Pathophysiologie zu verstehen oder auf der Systemebene unter Einsatz bildgebender Verfahren Netzwerkmodelle als Grundlage für Hirnfehlfunktion auf ihre Nutzbarkeit für die Differenzialdiagnose sowie die Differentialtherapie zu überprüfen. Hierfür sind neben aufwendiger apparativer Grundausstattung und hohem methodischen Know-how auch ständige große finanzielle Ressourcen unabdingbar. Die dafür beantragten Forschungsmittel werden – neben den Interessen des Geldgebers und der Originalität des Projektes – vor allem danach verteilt, in welchen Zeitschriften mit welchem Impact-Faktor die Antragsteller schon publiziert haben. Zeitschriften mit hohem Impact-Faktor sind ausnahmslos englischsprachig, sie liegen bis zum 50-fachen über dem deutscher Journale. Ohne den Sinn dieser Faktoren hier diskutieren zu wollen, muss konstatiert werden, dass kein Zurück aus dieser Entwicklung absehbar ist.

Ansprüche an Publikationen haben sich verändert

Die methodischen Ansprüche an die psychiatrische Forschung, aber auch an die Ausbildung des Nachwuchses steigen stetig [3]. Der Peer-review-Prozess in internationalen Journalen mit hohem Impact-Faktor ist sehr effizient und hat eine hohe fachliche Qualität, da englischsprachige Zeitungen auf eine globale Gutachterschar zurückgreifen können und sich gleichzeitig die Editoren konstruktiver Kritik stellen [4] [5] [6]. Eine große Vielfalt von zum Teil hochspezialisierten englischsprachigen Fachzeitschriften ist verfügbar. Gerade junge Autoren können durch die kritischen Einlassungen ihre eingereichten Manuskripte nachhaltig verbessern und für ihre weiteren Forschungsaktivitäten profitieren. Deutschsprachige Zeitungen können aufgrund der geringeren Leserschaft weder im Impact-Faktor noch im Review-Prozess wirklich mithalten. Im globalen Wettbewerb besteht die Gefahr, dass Ergebnisse und Schlussfolgerungen in deutschsprachigen Zeitschriften eingereicht werden, die in höherrangigen Journalen schon abgelehnt wurden oder die dort nicht einmal in den Review-Prozess kamen. Kommt es zur Veröffentlichung wird häufig unnötige Redundanz gefördert [7] oder im ungünstigen Fall könnten dadurch sogar Metaanalysen, die zu Behandlungsleitlinien führen, verfälscht werden.

Fazit und Perspektiven

Deutschsprachige Originalarbeiten in der Psychiatrie sind ein Anachronismus. Originalarbeiten in dem hier skizzierten Sinne schaffen nach einem rigorosen Review-Prozess neues Wissen, das rasch allen Arbeitsgruppen in der Welt in der Wissenschaftssprache Englisch zugänglich gemacht werden muss, um die aufwendigen, weltweit laufenden Forschungsaktivitäten leichter zu fokussieren, Wissenslücken zu schließen und neue Erkenntnisse in die Gesundheitsversorgung fließen zu lassen. Der zeitliche Aufwand zum Verfassen einer Originalarbeit ist für die Autoren in jeder Sprache der Gleiche, der eigene Profit für das Weiterkommen und der Vorteil für die Forschungsgemeinschaft sind für englischsprachige Veröffentlichungen signifikant größer. Mangelndes Interesse am globalen englischsprachigen Wissenspool und nur profitorientierte Forschung sind gefährlich. Dies bedeutet jedoch nicht, dass deutschsprachige Zeitschriften anachronistisch sind. In der Praxis tätige Ärztinnen und Ärzte benötigen [8] beispielsweise zeitnah 1. gut aufbereitete, ins Deutsche übersetzte Übersichtsarbeiten von renommierten Forschern, 2. Fallberichte, die eingebettet sind in das aktuelle pathophysiologische Wissen, 3. Kurzzusammenfassungen von Originalarbeiten mit kritischer Bewertung der Ergebnisse und Einordnung in die Praxis, 4. hochwertige zertifizierte Weiterbildungsartikel oder auch 5. Pro- und Kontra-Debatten, wie diesen Artikel in deutscher Sprache, die zum Nachdenken anregen können. Und sie erfordern gute, von Interessengruppen unabhängige Lotsen in den Redaktionen, die im Dschungel der Veröffentlichungen die relevanten Originalarbeiten von den Irrelevanten trennen. Nicht zuletzt aber braucht der Leser Zeit und wirkliches Interesse, dann auch das Relevante im Original oder in der Bearbeitung zu lesen und in den Versorgungsalltag zu integrieren.

Literatur

Prof. Dr. Dieter F. Braus

Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, HSK, Dr. Horst Schmidt Klinik GmbH

Ludwig-Erhard-Straße 100

65199 Wiesbaden

PD Dr. Christopher Baethge

Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion, Deutsches Ärzteblatt

Ottostraße 12

50859 Köln

Email: [email protected]