Akt Neurol 2008; 35 - P659
DOI: 10.1055/s-0028-1086913

Ungewöhnliche neurologische Manifestationen einer Eklampsie

J Stewen 1, D Sinn 1, W Heide 1
  • 1Celle

Hintergrund: Eklampsie ist eine Systemerkrankung der späten Schwangerschaft mit meist passagerer zentral-neurologischer Symptomatik und ubiquitären Gefäßspasmen, bevorzugt im hinteren Stromgebiet, die oft zu einem vasogenen Ödem der hinteren Hemisphären (reversible posteriore Leukenzephalopathie) führen. Der neurologischen Manifestation geht in der Regel eine Prä-Eklampsie (früher EPH-Gestose) mit Ödemen, Proteinurie und arterieller Hypertonie voraus. Wir präsentieren 3 Fälle mit rein neurologischer Eklampsie-Symptomatik, ohne die typische Symptom-Trias der Präeklampsie.

Falldarstellungen: Zwei der 3 Patientinnen (Primapara mit bislang unauffälligem Schwangerschaftsverlauf) entwickelten in der 26. SSW, eine Pat. zwei Tage postpartal, jeweils zunehmende, links fronto-temporal betonte Kopfschmerzen und Verschwommensehen, in zwei Fällen zusätzlich mit einer homonymen Hemianopsie und Hemihypästhesie rechts, einer progredienten sensomotorischen bzw. amnestischen Aphasie und einzelnen komplex-fokalen epileptischen Anfällen. Der RR war jeweils normoton, es fanden sich keine Ödeme und keine Auffälligkeiten in Serum und Liquor. Das EEG ergab jeweils konstante Theta-delta-Herde über der linken Hemisphäre, in einem Fall intermittierend sw-Komplexe bei T5. Das MRT zeigte erst im Verlauf ein leichtes, T2-hyperintenses subkortikales Marklagerödem links temporo-occipital. Die dritte Patientin entwickelte eine leichte Ataxie und einen generalisierten tonisch-klonischen epileptischen Anfall, im MRT präsentierte sich das Ödem vorwiegend in beiden Kleinhirnhemisphären. Der transcranielle Duplex zeigte in allen Fällen erhöhte Flussgeschwindigkeiten mit Turbulenzen, betont im linken Carotis- und Mediastromgebiet. Nach der notfallmäßigen Entbindung durch Sectio und unter intravenöser Therapie mit Magnesium, in einem Fall zusätzlich Valproat, kam es zu einer langsamen Rückbildung der neurologischen Auffälligkeiten und der MRT-Veränderungen.

Schlussfolgerungen: Zentral neurologische Symptome in der Spätschwangerschaft bzw. peripartal weisen auf eine Eklampsie hin, auch wenn die Symptom-Trias einer Prä-Eklampsie fehlt. Diagnostisch wegweisend sind Herdbefunde im EEG, erhöhte Flussgeschwindigkeiten im transcraniellen Duplex und subkortikale Ödemzonen der hinteren Hirnabschnitte im MRT, wobei letzteres initial normal sein kann. Therapeutisch sind eine rasche Entbindung durch Sectio und eine intravenöse Magnesium-Therapie entscheidend wichtig.