Gesundheitswesen 2008; 70 - A114
DOI: 10.1055/s-0028-1086339

Effekte kombinierter Risikolagen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Assoziationen mit personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren – Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)

R Schlack 1, H Hölling 1
  • 1Robert Koch-Institut, Berlin

Hintergrund: Als psychosoziale Risikofaktoren werden individuell wirksame Elemente sowie verschiedene Faktoren der unmittelbaren familiären und sozialen Umwelt angesehen. Bekannte Risikofaktoren sind z.B. ein niedriger sozioökonomischer Status, Alleinerziehung oder Arbeitslosigkeit eines Elternteils. Resilienz bezeichnet dagegen die Widerstandskraft von Individuen gegenüber Stressoren. Im salutogenetischen Modell wird Gesundheit als Gleichgewicht verstanden, dass von Risiken (Stressoren) bedroht und von Schutzfaktoren (Ressourcen) gestützt wird. Schutzfaktoren sind somit stets in Bezug auf eine Risikoassoziation zu betrachten. Kumulative Effekte für die psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen sind bei kombinierten Risikolagen zu vermuten und werden im Hinblicke auf ihre Assoziation mit personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren untersucht. Stichprobe und Methoden: In KiGGS wurde eine bundesweit repräsentative Stichprobe von 17.641 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren medizinisch-physikalisch untersucht und getestet, die Eltern, ab 11 Jahren auch die Kinder und Jugendlichen selbst, schriftlich befragt. Die vorliegenden Analysen beruhen auf den Daten von insgesamt 7.102Mädchen und 7.376 Jungen im Alter von 11–17 Jahren. Psychische Auffälligkeiten wurden mit dem Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ) im Elternurteil, Schutzfaktoren mit der Social Support Scale (SSS), Selbstwirksamkeitsskala (Wirkall-K) und der Skala Personale Ressourcen im Kinderselbsturteil gemessen. Ergebnisse: Für kombinierte Risikolagen zeigte sich im logistischen Modell ein deutlicher Effekt auf die psychische Gesundheit der Kinder für Alleinerziehung und Arbeitslosigkeit der Mutter (OR: 3,12; 95% CI: 2,30–4,23), wobei Alleinerziehung von größerer Bedeutung war als Arbeitslosigkeit. Für eine Beruftätigkeit der Mutter konnte hingegen ein tendenziell protektiver Effekt festgestellt werden. In der Ressourcenbetrachtung erwiesen sich personale (OR: 2,72 95% CI: 2,16–3,41) und familiäre Ressourcen (OR: 2,37; 95% CI: 1,86–3,00) als die bedeutendsten Prädiktoren. Diskussion: Die KiGGS-Ergebnisse zeigen, dass kombinierte Risiken kumulativ wirken. Mütterliche Berufstätigkeit hat keinen generell negativen Effekt auf die psychische Gesundheit der Kinder. Angesichts der teilweise schwierigen Beeinflussbarkeit von Risikofaktoren ist präventiv eine Stärkung der Ressourcen vordringlich.

Literatur:

[1] Masten AS. Resilienz in der Entwicklung: Wunder des Alltags. In: Rösler G, v. Hagen C, Noam G (Hrsg). Entwicklung und Risiko. Perspektiven einer klinischen Entwicklungspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer, 2001: 192–219

[2] Hölling H, Erhart M, Ravens-Sieberer U, Schlack R. Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2007; 50(5/6):784–793

[3] Erhart M, Hölling H, Bettge S, Ravens-Sieberer U, Schlack R. Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Risiken und Ressourcen für die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2007; 50(5/6): 800–809