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DOI: 10.1055/a-2516-3781
Kopfschmerz News der DMKG
Von relativen Verbesserungen zu absoluten Zielen: Neue Maßstäbe in der Migräneprävention
**** Sacco S, Ashina M, Diener HC et al. Setting higher standards for migraine prevention: A position statement of the International Headache Society. Cephalalgia 2025; 45(2): 3331024251320608. doi: 10.1177/03331024251320608
Hintergrund
Migräne gehört zu den neurologischen Erkrankungen mit der höchsten Krankheitslast und erheblichen sozioökonomischen Auswirkungen. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität betrifft nicht nur die akuten Kopfschmerzphasen, sondern auch das Intervall zwischen den Attacken. In den letzten Jahren haben innovative Therapieansätze, insbesondere die gezielte Hemmung des CGRP-Signalwegs, die Migräneprophylaxe grundlegend verändert. Diese Entwicklungen ermöglichen eine wirksamere und besser verträgliche Behandlung. Dennoch bleibt das Potenzial der Migräneprävention oft ungenutzt. In ihrem aktuellen Position Statement fordert die International Headache Society (IHS) daher einen Paradigmenwechsel: Statt sich mit einer rein prozentualen Reduktion der Migränetage zufriedenzugeben, sollten ambitioniertere Therapieziele definiert werden – mit dem Ideal einer vollständigen oder nahezu vollständigen Kontrolle der Erkrankung.
Zusammenfassung
Namhafte internationale Experten legen in diesem Positionspapier praxisnahe, ambitionierte Ziele für die Migräneprophylaxe fest, um Betroffenen eine bestmögliche Lebensqualität zu ermöglichen und neue Impulse für das klinische Management zu setzen. In der Bewertung der Wirksamkeit präventiver Migränetherapien liegt der Fokus traditionell auf der prozentualen Reduktion der monatlichen Migränetage. Diese Methodik hat sich in klinischen Studien bewährt, und die 50 %ige Reduktion der monatlichen Migränetage bleibt als Wirksamkeitskriterium für Zulassungsstudien essenziell. Für die klinische Praxis stößt dieses Konzept jedoch an Grenzen.
Ein zentrales Problem der prozentualen Reduktion ist, dass sie die verbleibende Migränelast („residual migraine burden“) unzureichend abbildet. Beispielsweise kann eine 50 %ige Reduktion für eine Person mit ursprünglich 8 monatlichen Migränetagen (MMD) eine erhebliche Verbesserung bedeuten (nur noch 4 MMD), während ein Patient mit 20 MMD trotz gleicher relativer Reduktion weiterhin stark beeinträchtigt ist (10 MMD). Die interindividuelle Variation der verbleibenden Krankheitslast wird durch den alleinigen Blick auf Prozentwerte nicht adäquat berücksichtigt.
Daher empfiehlt die IHS einen Perspektivenwechsel in der klinischen Praxis: Statt sich ausschließlich auf relative Verbesserungen zu konzentrieren, sollte stärker auf die absoluten Migränetage oder Tage mit moderaten bis schweren Kopfschmerzen während der Behandlung geachtet werden. Hierzu schlägt die IHS eine neue Kategorisierung des Therapieerfolgs vor, die 4 Stufen umfasst:
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Migränefreiheit (Migraine Freedom) – keine Tage mit Migräne oder moderaten bis schweren Kopfschmerzen über einen Zeitraum von 3 Monaten.
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Optimale Kontrolle (Optimal Control) – weniger als 4 Tage mit Migräne oder moderaten bis schweren Kopfschmerzen pro Monat, mit guter Wirksamkeit der Akuttherapie.
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Mäßige Kontrolle (Modest Control) –4–6 Tage pro Monat mit Migräne oder moderaten bis schweren Kopfschmerzen, was für viele Patienten mit chronischer oder hochfrequenter episodischer Migräne bereits eine deutliche Verbesserung darstellen kann.
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Nicht ausreichende Kontrolle (Insufficient Control) – mehr als 6 Tage mit Migräne oder moderaten bis schweren Kopfschmerzen pro Monat, wodurch eine Anpassung oder Intensivierung der Therapie erforderlich wird.
Kommentar
Diese neue Einteilung soll dazu beitragen, dass Therapieerfolge in der klinischen Praxis praxisnäher erfasst und Behandlungsstrategien noch gezielter angepasst werden können. Es ist erfreulich, dass wir in der Lage sind, bei manchen Patienten Migränefreiheit zu erreichen – ein Ziel, das noch vor wenigen Jahren als utopisch galt. Damit verschiebt sich der Fokus der Migräneprophylaxe: Es geht nicht mehr nur darum, die Zahl der Migränetage zu reduzieren, sondern vielmehr darum, eine normale oder nahezu normale Lebensqualität wiederherzustellen. In dieser Hinsicht kann es sinnvoll sein, sich auf die verbleibenden Migränetage zu konzentrieren. Der Ansatz der IHS fördert ein „mindset of continual improvement“ – eine Haltung, die über minimale Therapieerfolge hinausgeht und darauf abzielt, für jeden Patienten und jede Patientin das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
Allerdings bleibt zu bedenken, dass die Migränelast sehr individuell ist und sich nicht allein durch absolute Migränetage oder Kopfschmerztage erfassen lässt. Faktoren wie Attackenintensität, Dauer, Begleitsymptome oder die Wirksamkeit der Akuttherapie sind ebenfalls entscheidend. Daher bleibt die Berücksichtigung der subjektiven Eindrücke, z. B. durch Patient-reported outcomes (PROs), sowie eine individuelle Anpassung der Therapie unerlässlich, um den Behandlungserfolg wirklich umfassend zu bewerten.
Carolin L. Höhne und Bianca Raffaelli, Berlin
Publikationsverlauf
Artikel online veröffentlicht:
01. Mai 2025
© 2025. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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Literatur
- 1 Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS). Cephalalgia 2018; 38 (1) 1-211
- 2 Demarquay G. et al. Cephalalgia 2018; 38 (10) 1687-1695
