Zeitschrift für Palliativmedizin 2024; 25(02): 66
DOI: 10.1055/a-2128-2557
Forum

Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung in Deutscher Gebärdensprache

Roland Martin Hanke

Es gibt ca. 83 000 gehörlose Menschen in Deutschland (Stand 2022) [1]. Davon haben viele eine messbar geringere Kompetenz beim Verständnis der deutschen Lese- und Schriftsprache [2] [3] [4] [5]. Juristische Texte mit ihren Feinheiten erschließen sich ihnen daher nicht automatisch beim Lesen. In der Vorsorgevollmacht, der Patientenverfügung und den weiteren Begleitdokumenten geht es um weitreichende Entscheidungen zur Selbstbestimmung am Lebensende und medizinischen Entscheidungen mit explizitem Einfluss auf das Therapieziel. Die Unsicherheit von Gehörlosen bei Entscheidungen, die von ihnen nicht vollständig verstanden oder hinterfragt werden können, tragen ein hohes Verletzungspotenzial der persönlichen Würde in krankheitsbezogenen Belangen und sozialen Kontexten in sich [6] und schaffen dadurch ein Konfliktpotenzial oder gar eine abwehrende Position.

Der Hospizverein Region Fürth hat diesem Sachverhalt Aufmerksamkeit geschenkt und Rechnung getragen. In Zusammenarbeit und Abstimmung mit der Kanzlei für Medizinrecht Putz, Sessel, Soukup, Steldinger hat der Verein die Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung in Anlehnung an die aktuelle 21. Auflage der „Vorsorge für Unfall, Krankheit, Alter durch Vollmacht, Betreuungsverfügung, Patientenverfügung“ [7] in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzen lassen. Diese Fassung berücksichtigt die allerneuesten Rechtsprechungen zu diesem Themenbereich und wird laufend beraten von Fachexperten aus dem Recht, der Medizin, der Pflege, den Betreuungsbehörden und der Hospiz- und Palliativarbeit. Sie ist führend im rechtlichen Geltungsbereich der Bundesrepublik.

Wichtig war es dem Hospizverein dabei, dass die ausführlichen juristischen Texte auf ein verständliches Maß reduziert wurden, die es Gehörlosen ermöglichten, den Sachverhalt und die Kernbotschaft zu erfassen. Jedem Abschnitt wurde zudem eine Einführung in einfacher Sprache vorangestellt. Darüber hinaus ist es in der publizierten YouTube-Fassung möglich, dass sich Gehörlose von Kapitel zu Kapitel weiterarbeiten und dabei stets den visuellen Zusammenhang mit dem zugrunde liegenden Dokument behalten.

Die Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache übernahm Kilian Knörzer, tauber Gebärdensprachdolmetscher beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Berlin, zusammen mit Daniela Karl von der „www.gebaerdenschmiede.de“. Eine Expertise wurde eingeholt von der Hochschule Landshut, Fakultät Interdisziplinäre Studien, von den Mitarbeiterinnen Juliane Rode und Kerstin Staudt, welche mit dem Projekt „DeafPal“ Kompetenzen sowohl in der Gebärdensprache als auch im Palliativbereich mitbringen.

Der Zugang zu den Dokumenten erfolgt über einen Link, publiziert auf der Homepage des Hospizvereins Region Fürth oder über einen allgemeinverfügbaren QR-Code (Infokasten „Links“). Beim Aufruf und der Nutzung der YouTube-Videos entstehen keine Kosten.



Publication History

Article published online:
01 March 2024

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  • Literatur

  • 1 Deutscher Gehörlosen-Bund e. V.. Zusammenhalt, Engagement und Verantwortung – der DGB feiert 95-jähriges Jubiläum. Pressemitteilung 02/2022 vom 24.01.2022
  • 2 Günther KB, Schulte K. Berufssprachbezogene Kurzuntersuchung (BSK) – Konjunktionale Verbindungen und Prädikatskonstruktionen als Indikatoren für berufssprachlich geforderte Kompetenz. In: Schulte K, Schlenker-Schulte C, Günther KB. Hrsg. Fortentwicklung berufssprachlicher Fähigkeiten Hörgeschädigter: Forschungsergebnisse (Sozialforschung, Bd. 168). Bonn: Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung; 1988: 246-329
  • 3 Holt J. Stanford Achievement Test – 8th Edition: reading comprehension subgroup results. American Annals of the Deaf 1993; 138: 172-175
  • 4 Holt J, Carol T, Thomas A. Interpreting the Scores: a user’s guide to the 9th edition stanford achievement test for educators of deaf and hard-of-hearing students. Gallaudet Research Institute Technical Report. Washington, DC: Gallaudet University; 1997: 97-91
  • 5 Hennies J. Lesekompetenz gehörloser und schwerhöriger SchülerInnen: Ein Beitrag zur empirischen Bildungsforschung in der Hörgeschädigtenpädagogik. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil. Berlin: Fachbereich Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität; 2008
  • 6 Chochinov HM, Hack T, Hassard T. et al. Dignity Therapy: A Novel Psychotherapeutic Intervention for Patients Near the End of Life. J Clin Oncol 2005; 23: 5520-5525 DOI: 10.1200/JCO.2005.08.391.
  • 7 Bayerisches Staatsministerium der Justiz. Vorsorge für Unfall, Krankheit, Alter durch Vollmacht, Betreuungsverfügung, Patientenverfügung. 21. Aufl.. München: C. H. BECK; 2023