Gesundheitswesen 2023; 85(06): 529-536
DOI: 10.1055/a-1775-8181
Originalarbeit

Implementierung eines Modellprojektes zur phasenübergreifenden Unterstützung von krebskranken Eltern mit minderjährigen Kindern

Implementation of a Pilot Project Supporting Parents Suffering from Cancer with Underage Children
Lea Krüger
1   Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation, Medizinische Fakultät, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
,
Jens Panse
1   Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation, Medizinische Fakultät, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
2   Centrum für integrierte Onkologie, CIO ABCD, Aachen Bonn Cologne Duesseldorf, Germany
,
Jessica Hugot
3   Caritasverband für die Regionen Aachen-Stadt und Aachen-Land e.V., Aachen, Germany
,
Marc Dohmen
1   Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation, Medizinische Fakultät, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
2   Centrum für integrierte Onkologie, CIO ABCD, Aachen Bonn Cologne Duesseldorf, Germany
,
Rebecca Bremen
1   Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation, Medizinische Fakultät, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
2   Centrum für integrierte Onkologie, CIO ABCD, Aachen Bonn Cologne Duesseldorf, Germany
,
Ute Habel
4   Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
,
Tim H. Brümmendorf
1   Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation, Medizinische Fakultät, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
2   Centrum für integrierte Onkologie, CIO ABCD, Aachen Bonn Cologne Duesseldorf, Germany
,
Nicole Ernstmann
2   Centrum für integrierte Onkologie, CIO ABCD, Aachen Bonn Cologne Duesseldorf, Germany
5   Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Forschungsstelle für Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung (CHSR), Universitätsklinikum Bonn, Bonn, Germany
6   Institut für Patientensicherheit (IfPS), Universitätsklinikum Bonn, Bonn, Germany
,
Andrea Petermann-Meyer
1   Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation, Medizinische Fakultät, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen, Aachen, Germany
2   Centrum für integrierte Onkologie, CIO ABCD, Aachen Bonn Cologne Duesseldorf, Germany
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Zusammenfassung

Ziel der Studie Familien mit einem onkologisch erkrankten Elternteil sind besonderen emotionalen und organisatorischen Belastungen ausgesetzt, unter denen v. a. minderjährige Kinder leiden. Um die Belastung der Familienmitglieder zu reduzieren und einen koordinierten Zugang zu sozialen und logistischen Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen, wurde das Modellprojekt Brückenschlag initiiert. Ziel des vorliegenden Beitrags ist, die Einführung dieses Projektes in Anlehnung an das Inanspruchnahme-Modell von Andersen bezüglich Akzeptanz und Inanspruchnahme zu evaluieren.

Methodik In einer querschnittlich angelegten Beobachtungsstudie im Mixed-Methods-Ansatz wurden semi-strukturierte schriftliche Expertenbefragungen (n=10) und die Sekundäranalyse von Routinedaten des Versorgungsmodells (n=171 Familien) kombiniert.

Ergebnisse Quantitative Sekundäranalyse: Die teilnehmenden Familien haben 1–7 Kinder (Median (M) 2, Spannweite (S) 6). In 66% der Fälle ist die Mutter erkrankt, in 20% ist das erkrankte Elternteil alleinerziehend. Die familiären Kommunikationsstrukturen werden als „mittelmäßig“ bis „ziemlich offen“ eingeschätzt. Von den insgesamt 171 Kontaktaufnahmen (Studienzeitraum 9/14 bis 11/17), wurde Brückenschlag von 133 Familien in Anspruch genommen. 59,2% der Kontakte entstanden über die Psychoonkologie und den Sozialdienst. Kam der Kontakt auf Initiative des Patienten selbst oder durch die Psychoonkologie zustande, so wird signifikant häufiger (p=0,047) eine Begleitung etabliert als bei anderen Kontaktpersonen. Qualitative Analyse: Es zeigt sich ein Mangel in der Bekanntschaft und Koordination vorhandener Unterstützungsangebote und an familiären Ressourcen, vorhandene Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Sowohl von den Familien gewünschte als auch im Verlauf etablierte Unterstützung fallen vor allem in den Bereich organisatorischer Unterstützung. Brückenschlag erleichtert dabei die Netzwerkarbeit und übernimmt eine Lotsenfunktion für die Familien.

Schlussfolgerung Die gesammelten Daten deuten darauf hin, dass Familien, die in ihren soziodemographischen Merkmalen dem deutschen Durchschnitt entsprechen, tatsächlich einen großen Bedarf an organisatorischer Unterstützung entwickeln, sobald ein Elternteil an Krebs erkrankt. Das Modellprojekt Brückenschlag schafft einen Zugang zu Unterstützungsleistungen für Familien mit einem krebserkrankten Elternteil.

Abstract

Objective Families with one parent suffering from cancer are exposed to extraordinary emotional and organizational burdens, affecting underaged children. To help coordinated access to social and logistic support options and thus reduce the stress on family members, the project Brückenschlag was founded. The aim of this paper was to evaluate the implementation of this pilot project following the healthcare utilization model by Andersen.

Methods A cross-sectional observational study was conducted using a mixed-method approach. Semi-structured written expert surveys (n=10) and secondary analysis of routine data of the care model (n=171 families) were combined.

Results Quantitative secondary analysis: The participating families had 1–7 children (median (m) 2, range (s) 6). In 66% of the cases, the mother was affected by cancer, in 20% the diseased parent was in a single parent household. The communication structure in these families was rated “limited” to “rather open”. Of the total of 171 contacts (study period 9/14 to 11/17), 133 families made use of Brückenschlag; 59.2% of the contacts were made by psycho-oncologists and the social services department of the hospital. If the contact was initiated by the patients themselves or by psycho-oncologists, a guidance was established significantly more frequently (significance of chi-squared test 0.047). Qualitative analysis: There was a lack of awareness and coordination of existing support services and a lack of family resources to use existing support offers. Both the desired and the established support fell primarily in the area of organizational support. Brückenschlag improved networking and took on a navigating function for the families.

Conclusion The data collected indicate that in families, matching the German average in their socio-demographic characteristics, a great need for organizational support develops as soon as one parent becomes sick with cancer. The model project Brückenschlag creates an access to support services for families with one parent suffering from cancer.

2 Median=M, Spannweite=S, fehlend=f




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Article published online:
02 June 2022

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