Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2023; 58(04): 253-263
DOI: 10.1055/a-1734-7221
Fortbildung

Schusswaffenverletzungen und penetrierende Traumata

Gunshot Wounds and Penetrating Injuries
Christoph Martin
,
Volker Spies

Für die akutmedizinische Versorgung von kritisch Verletzten nach penetrierendem Trauma fehlt oft aufgrund der Seltenheit die Routine. Dem kann mit regelmäßigem theoretischem und praktischem Training begegnet werden. Standardisierte Versorgungsalgorithmen für die Versorgung Schwerverletzter sowie Kenntnisse zu Kinetik und Wundballistik sind für eine gezielte Behandlung erforderlich, wobei die frühe Versorgungsphase hier im Fokus stehen soll.

Abstract

The acute medical care in Germany after gunshot and stab wounds in the pre-hospital and in-hospital setting is a rarity in an international comparison. The resulting lack of routine in the acute care of critically injured people after penetrating trauma should therefore be countered with regular theoretical and practical training. In addition to standardized care algorithms for the care of severely injured people, knowledge of kinetics and wound ballistics is required for focused treatment. The article focuses mainly on the early treatment phase.

Kernaussagen
  • Durch eine niedrige Waffendichte (65 erfasste Schusswaffen je 1000 Einwohnern) ist die penetrierende Verletzung durch Schusswaffen in Deutschland vergleichsweise selten.

  • Die Wirkung des ein- oder durchschlagenden Geschosses ist von geschossspezifischen Eigenschaften (Kaliber, Bauweise und Masse des Projektils) und von Variablen wie Auftreffgeschwindigkeit, Winkel und Kollision mit den verschiedenen Gewebearten abhängig.

  • Die von außen sichtbare Ein- und wenn vorhanden Ausschusswunde lässt nur begrenzt direkte Rückschlüsse auf Verletzungsmuster und -ausmaß zu.

  • Nach thorakaler bzw. abdomineller Schuss- und Stichverletzung sollte immer die Möglichkeit einer Zweihöhlenverletzung in Betracht gezogen werden.

  • Schussverletzungen des Kopfes werden in Deutschland in der Mehrzahl durch eigenschädliche Handlung verursacht und weisen eine schlechte Prognose auf.

  • Nach penetrierendem Trauma ist neben dem Hämatothorax der Spannungspneumothorax die zweithäufigste Todesursache.

  • Abdominelle Stichverletzungen durchdringen in 65–75% das Peritoneum, während Schussverletzungen dieses in 95% der Fälle perforieren und somit eine direkte Organverletzung erzielen können.

  • Die notfallmedizinische Versorgung der penetrierenden Verletzungen orientiert sich an der Vorgehensweise des „xABCDE-Schemas“, um lebensbedrohliche Zustände schnell erkennen und umgehend behandeln zu können („treat first what kills first“).

  • Während sich 80–90% der penetrierenden Thoraxtraumata präklinisch suffizient mittels einer Thoraxdrainage behandeln lassen, ist dies bei den übrigen 10–20% thorakalen und den allermeisten penetrierenden abdominellen Verletzungen nicht der Fall.

  • Bei penetrierenden Verletzungen sollte die Prähospitalzeit möglichst minimiert werden. Das Zielkrankenhaus bei penetrierenden Verletzungen des Thorax bzw. des Abdomens ist gemäß der S3-Leitlinien-Empfehlung das nächstgelegene Traumazentrum.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
12. April 2023

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