Psychother Psychosom Med Psychol
DOI: 10.1055/a-1559-4251
Originalarbeit

Selbstverantwortung: Zusammenhänge mit Depression und Angst und Relevanz für das Behandlungsergebnis bei schwer depressiven Patient*innen in vollstationärer Behandlung

Self-Responsibility: Relationship with Depression and Anxiety and Relevance for the Treatment Outcome of Inpatients with Major Depression
Reinhard Maß
1  Zentrum für Seelische Gesundheit Marienheide, Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie, Marienheide, Deutschland
,
Marie-Lene Schottke
2  MSH Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Hamburg, Deutschland
,
Maria Müller
2  MSH Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Hamburg, Deutschland
,
Frederik Lübbers
2  MSH Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Hamburg, Deutschland
,
Anett Müller-Alcazar
2  MSH Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Hamburg, Deutschland
,
Sabine Kolbeck
2  MSH Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Hamburg, Deutschland
,
Olaf Morgenroth
2  MSH Medical School Hamburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Hamburg, Deutschland
› Author Affiliations

Zusammenfassung

Ziel der Studie Obwohl in den meisten Psychotherapieschulen eine hohe Selbstverantwortung (SV) der Patient*innen als Grundlage für den Erfolg einer Psychotherapie angesehen wird, gibt es für dieses Konstrukt weder eine einheitliche Definition noch eine psychometrische Operationalisierung; dementsprechend liegen auch keine empirischen Belege für die tatsächliche Bedeutung von SV in der Psychotherapie vor. Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, (1) eine Definition von SV vorzuschlagen sowie einen Fragebogen für deren Messung zu entwickeln und (2) mit Hilfe dieses Instruments die Bedeutung der SV bei der Behandlung von Depressionen zu prüfen.

Methodik In zwei Studien mit Stichproben gesunder Erwachsener (N=233 bzw. 301) wurde das „Selbstverantwortungs-Inventar“ (SV-I) entwickelt und dessen Korrelationen mit Depressivität und habitueller Angst geprüft. In einer dritten Studie wurde das SV-I Patient*innen vorgelegt, die sich wegen einer Depression in vollstationär-psychiatrischer Behandlung befanden (N=231). Die Behandlungen waren hauptsächlich psychotherapeutisch ausgerichtet.

Ergebnisse Die finale Version des SV-I besteht aus drei Skalen mit jeweils 10 Items: „Fremdbestimmung“, „Selbstbestimmung“ und „Orientierung an den Erwartungen anderer“. Bei gesunden Erwachsenen geht eine geringe SV mit hoher Depressivität und hoher Ängstlichkeit einher. Die Patient*innen zeigten durchschnittlich eine geringere SV als die Gesunden. Während der Behandlung kam es in allen drei SV-I-Skalen zu einem Anstieg der SV. Je höher die bei der Entlassung erreichte SV war, desto stärker war der Rückgang der Depression von der Aufnahme bis zur Entlassung.

Diskussion Das SV-I scheint geeignet für den Einsatz bei Gesunden und bei klinischen Gruppen zu sein. Unsere Befunde weisen darauf hin, dass eine geringe SV mit der Entwicklung psychischer Symptome und Erkrankungen zusammenhängt.

Schlussfolgerung Eine hohe SV könnte ein bedeutsamer Faktor für den Erfolg einer Psychotherapie bei Depression sein; das SV-I könnte ein nützliches Instrument zur Untersuchung psychotherapeutischer Prozesse sein.

Objective Though in most psychotherapy schools a high self-responsibility (SR) of patients is considered as the basis necessary for the success of psychological treatment, there is neither a uniform definition nor a psychometric operationalisation of SR. Hence, there is no empirical evidence for the actual importance of SR in psychotherapy. This work aims (1) to introduce a definition of SR as well as to develop a questionnaire for its measurement and (2) to evaluate SR in the treatment of depression.

Methods In two studies with samples of healthy adults (n=233, n=301), the “Self-Responsibility Inventory” (German: “Selbstverantwortungs-Inventar”, SV-I) was developed. In a third study, the SV-I was administered to n=231 psychiatric inpatients with major depression according to the ICD-10 diagnostic criteria. Patients were mainly treated with psychotherapy.

Results The final SV-I version consisted of three scales with 10 items each: “Being determined by others”, “Self-determination”, “Orientation towards the expectations of others”. In healthy adults, poor SR was accompanied by high levels of depression, and high trait anxiety. Inpatients with mental disorders show less SR than healthy individuals. During treatment, SR increased from admission to discharge. It was found that the higher the SR at discharge, the stronger the decrease of depression from admission to discharge.

Discussion The SV-I appears to be suitable for use in healthy individuals and in clinical groups. Our findings suggest that low SR is related to the development of psychological symptoms and illnesses.

Conclusions SR may be a critical factor for outcome in the psychotherapy of major depression. The SV-I could be a useful tool for understanding psychotherapeutic processes.

1 Da die Stichproben der Studien 1 und 2 in einem Abstand von etwa 13 Monaten größtenteils an der MSH rekrutiert wurden, besteht die Möglichkeit, dass einige Proband*innen an beiden Studien teilgenommen haben. Dadurch wird die Unabhängigkeit der beiden Studien in Frage gestellt. Allerdings weisen bereits die unterschiedlichen Ergebnisse der Faktorenanalysen eher auf die Unabhängigkeit der Stichproben hin. Zwar ist durch die Anonymität der Befragungen keine exakte Prüfung der doppelten Teilnahme möglich; die erfassten soziodemographischen Merkmale (Alter, Schulabschluss, Geschlecht) erlauben jedoch die Feststellung, welche Proband*innen der Studie 2 sicher nicht (Gruppe A) und welche möglicherweise an Studie 1 teilgenommen haben (Gruppe B). Gruppe A (N=171) weist ein höheres Durchschnittsalter (31,5 vs. 25,5 Jahre), einen höheren Männeranteil (74,7 vs. 50,9%) und eine geringere Schulbildung (54,4 vs. 95,4% mit Abitur) auf als Gruppe B (N=130). Die oben für die Gesamtstichprobe in Studie 2 beschriebenen Ergebnisse finden sich weitestgehend in den beiden Untergruppen wieder. Der einzige Unterschied war, dass die Korrelation zwischen OE und Alter in Gruppe B die Signifikanz verfehlte (r=−0,11, p=0,212). Auch die internen Konsistenzen der SV-I-Unterskalen waren für die Gruppen A und B nahezu identisch. Dies spricht dafür, dass mögliche Doppelteilnahmen keinen wesentlichen Einfluss auf die Ergebnisse gehabt haben.




Publication History

Received: 31 January 2021

Accepted: 01 July 2021

Publication Date:
09 September 2021 (online)

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