PSYCH up2date 2021; 15(05): 359-360
DOI: 10.1055/a-1550-9487
Editorial

Absetzen von Antidepressiva: Was sagt ein aktuelles Cochrane Review dazu?

Ulrich Voderholzer

Die Verordnungszahlen von Antidepressiva sind nach Daten der Arzneiverordnungsreporte in den vergangenen drei Jahrzehnten in Deutschland um fast 900% angestiegen. Die Gründe sind vielfältig: Verbesserte Diagnostik, stärkere Verbreitung Evidenzbasierten Wissens zu den Indikationen für Antidepressiva, die Ausweitung der Indikationen und zunehmende Anwendung auch bei Angststörungen, Zwangsstörungen, somatoformen Störungen, Schlafstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und weiteren Indikationen. Ein Grund für den Anstieg der Verordnungen scheint aber auch die steigende Einnahmedauer zu sein. Erhebungen aus Großbritannien sowie den USA kommen zu dem Ergebnis, dass bis zu 50% aller mit Antidepressiva behandelten Patienten dieses für mind. 2 Jahre [1], 35–50% aller Patienten sogar länger als 5 Jahre einnehmen [2] [3]. Wird ein Antidepressivum einmal angesetzt, wird daraus bei einem erheblichen Anteil und offensichtlich zunehmend häufiger eine jahrelange oder sogar dauerhafte Einnahme. Wie die Autoren des neuen Cochrane-Reviews beschreiben [4], besteht vermutlich bei 30 bis 50% der Langzeitanwender von Antidepressiva keine auf Evidenz beruhende Indikation für die Langzeittherapie. Bezüglich einer Langzeiteinnahme von Antidepressiva und Strategien des Absetzens ist die bisherige wissenschaftliche Datenlage bei Antidepressiva und anderen Psychopharmaka noch unzureichend, was natürlich auch dem Aufwand und der methodischen Schwierigkeiten solcher Studien geschuldet ist.



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Article published online:
16 September 2021

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