Subscribe to RSS
DOI: 10.1055/a-1542-9327
Sektorenübergreifende Rückenschmerz-Versorgungsanalyse von 1,4 Mio. AOK-Versicherten in Baden-Württemberg – welchen Einfluss hat die ambulante fachärztliche Versorgung?
Article in several languages: English | deutsch
Zusammenfassung
Hintergrund Rückenschmerzen sind eine der führenden globalen Ursachen für Invalidität und die häufigste muskuloskelettale Schmerzlokalisation in Deutschland. Die Lebenszeitprävalenz für Rückenschmerzen liegt je nach Region zwischen 74 und 85% und die Punktprävalenz bei 32 – 49%. Jeder 5. gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt und jeder 20. wird mindestens einmal im Jahr deswegen krankgeschrieben. Die Frage, inwieweit unterschiedliche ambulante Versorgungskonzepte einen substanziellen Beitrag leisten können zu einer Verbesserung der Versorgung bei Rückenschmerzen und zur Vermeidung von stationären Krankenhausbehandlungen ist wiederholt im politischen Raum kontrovers diskutiert worden. Ziel dieser Arbeit ist die deskriptive Darstellung der Versorgungsrealität in Baden-Württemberg anhand von Abrechnungsdaten einer großen deutschen Krankenkasse.
Material und Methoden Es wurden anonymisierte Abrechnungsdaten der AOK Baden-Württemberg (BW) unter Beachtung datenschutzrechtlicher Bestimmungen analysiert. Die Abrechnungsdaten umfassen den ambulanten und stationären Versorgungssektor. Für die Auswertung wurden alle AOK-Patienten in BW, die vom behandelnden Arzt aus dem ambulanten Bereich im 1. Halbjahr 2015 mindestens eine ICD10-Diagnose erhalten haben, berücksichtigt. Patienten mit mindestens einer Rückenschmerzdiagnose wurden als Rückenschmerzpatienten gewertet, wobei die Zuordnung zur Diagnosegruppe spezifischer oder nicht spezifischer Rückenschmerz anhand der Codierung vorgenommen wurde.
Ergebnisse In den 6696 hausärztlichen Praxen wurden im 1. Halbjahr 2015 988 925 Patienten, in den 1172 orthopädischen Praxen 302 524 Patienten und den 89 neurochirurgischen Praxen 17 043 Patienten mit Rückenschmerzen behandelt. Der prozentuale Anteil von Rückenschmerzpatienten an allen Patienten nimmt mit zunehmendem Spezialisierungsgrad der behandelnden Ärzte zu, von 34,6% bei Hausärzten, über 51,9% bei Orthopäden bis hin zu 78,6% bei Neurochirurgen. Ebenso wächst der Anteil an Rückenschmerzpatienten mit spezifischen Rückenschmerzen von 36% bei Hausärzten, über 39% bei Orthopäden bis hin zu 67% bei Neurochirurgen. Insgesamt wurden im Gesamtjahr 2015 1,2% der 1,415 Mio. AOK-Versicherten mit einer Diagnose Rückenschmerz in ein Krankenhaus eingewiesen. Die Behandlung nach stationärer Aufnahme bestand zur Hälfte in einer operativen Therapie und zur anderen Hälfte in einer konservativen. Nukleotomien, Dekompressionen und Spondylodesen waren von den wichtigsten operativen Eingriffen die 3 am häufigsten durchgeführten. Nach einer Wirbelsäulenoperation verringerten sich die Schmerzmittel- und Heilmittelverordnungen. Es gibt deutliche regionale Unterschiede bez. Einweisungs- und OP-Rate. Der Mittelwert der stationären Einweisungsrate wegen Rückenschmerz, jeweils pro 100 000 AOK-Versicherte, lag bei 535, der Median bei 536, der Höchstwert bei 808, und der niedrigste Wert bei 346. Der Mittelwert der OP-Rate unter allen eingewiesenen Rückenschmerzpatienten lag bei 49,9%, der Median bei 49,8%, der Höchstwert bei 71,8%, der niedrigste Wert bei 29,4%.
Schlussfolgerungen Die überwiegende Mehrheit der Rückenschmerzpatienten wurde ambulant behandelt. Etwa 1,2% aller Rückenschmerzpatienten wurden 2015 stationär therapiert. Hiervon wurde etwa die Hälfte operiert. Die durchgeführten Wirbelsäulenoperationen führten zu einer postoperativen Reduktion der Analgetika- und Heilmittelverordnungen im Beobachtungszeitraum. Die 3 häufigsten codierten OP-Maßnahmen waren die „knöcherne Dekompression“, „Exzision von erkranktem Bandscheibengewebe“ und „Spondylodese“. Es gab zwar deutliche regionale Unterschiede sowohl bei der Einweisungsrate von Rückenschmerzpatienten als auch bei der OP-Rate, jedoch ohne eindeutige Korrelation zu Facharztdichte oder Fachgruppe des Einweisers.
Schlüsselwörter
Rückenschmerz - ambulante Therapie - operative Therapie - Abrechnungsdaten - VersorgungsforschungPublication History
Article published online:
16 September 2021
© 2021. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany
-
References/Literatur
- 1 Andersson GBJ. Epidemiological features of chronic low-back pain. Lancet 1999; 354: 581-585
- 2 Wu A, March L, Zheng X. et al. Global low back pain prevalence and years lived with disability from 1990 to 2017: estimates from the Global Burden of Disease Study 2017. Ann Transl Med 2020; 8: 299
- 3 Vos T, Abajobir AA, Abate KH. et al. Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 328 diseases and injuries for 195 countries, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. Lancet 2017; 390: 1211-1259
- 4 Kuntz B, Hoebel J, Fuchs J. et al. Soziale Ungleichheit und chronische Rückenschmerzen bei Erwachsenen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2017; 60: 783-791
- 5 Raspe H. Rückenschmerzen. Heft 53. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Robert Koch-Institut; 2012. Accessed January 10 2021 at: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsT/rueckenschmerzen.pdf?__blob=publicationFile
- 6 Hartvigsen J, Hancock MJ, Kongsted A. et al. What low back pain is and why we need to pay attention. Lancet 2018; 391: 2356-2367
- 7 Zich K, Tisch T. Faktencheck Rücken. Rückenschmerzbedingte Krankenhausaufenthalte und operative Eingriffe – Mengenentwicklung und regionale Unterschiede. Bertelsmann Stiftung; 2021. Accessed January 12, 2021 at: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_FC_Rueckenoperationen_Studie_dt_final.pdf
-
8
Kordt M.
DAK-Gesundheitsreport 2018. Accessed January 14, 2021 at: https://www.dak.de/dak/bundesthemen/gesundheitsreport-2018-2108874.html#/
- 9 Chapman JR, Wiechert K, Wang JC. Evidence-Based Medicine, Media, and Manipulation. Global Spine J 2018; 8: 437-439
- 10 Deyo RA, Mirza SK, Turner JA. et al. Overtreating chronic back pain: time to back off?. J Am Board Fam Med 2009; 22: 62-68
- 11 Dietl M, Korczak D. Over-, under- and misuse of pain treatment in Germany. GMS Health Technol Assess 2011; 7: Doc03
- 12 AOK Baden-Württemberg, Bosch BKK, Mediverbund BVOU, BNC. Vertrag zur Versorgung in dem Fachgebiet der Orthopädie in Baden-Württemberg gemäß § 73c SGB V. Stuttgart: 2013. Accessed January 14, 2021 at: https://www.aok.de/gp/fileadmin/user_upload/Arzt_Praxis/Aerzte_Psychotherapeuten/AOK-FacharztProgramm_Baden-Wuerttemberg/bw_fa_vertrag_orthopaedie_rheumatologie.pdf
-
13 Determinanten bei der Versorgung von Patienten mit Wirbelsäulenoperation (DEWI). Accessed January 14, 2021 at: https://innovationsfonds.g-ba.de/downloads/beschluss-dokumente/4/2020-12-18_DEWI_Ergebnisbericht.pdf
- 14 Klingenberg A, Kaufmann-Kolle P, Wensing M. et al. Strukturierte ambulante Patientenversorgung im Facharztvertrag Orthopädie: die Erfahrungen der Patienten als Qualitätskriterium. Z Orthop Unfall 2017; 155: 689-696
-
15
Bundesärztekammer (BÄK),
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV),
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).
Nationale VersorgungsLeitlinie: Nicht-spezifischer Kreuzschmerz. Langfassung. 2. Aufl.; 2017. Accessed January 16, 2021 at: https://www.leitlinien.de/themen/kreuzschmerz/pdf/kreuzschmerz-2aufl-vers1-lang.pdf
- 16 Flechtenmacher J, Hoffmann R, Kladny B. et al. Faktencheck Rücken der Bertelsmann Stiftung. Manuelle Medizin 2017; 55: 172-177
- 17 Weiner DK, Sakamoto S, Perera S. et al. Chronic low back pain in older adults: prevalence, reliability, and validity of physical examination findings. J Am Geriatr Soc 2006; 54: 11-20
- 18 Cherkin DC, Deyo RA, Wheeler K. et al. Physician variation in diagnostic testing for low back pain. Who you see is what you get. Arthritis Rheum 1994; 37: 15-22
- 19 Haldeman S, Dagenais S. A supermarket approach to the evidence-informed management of chronic low back pain. Spine J 2008; 8: 1-7
- 20 Wennberg J, Gittelsohn A. Small area variations in health care delivery. Science 1973; 182: 1102-1108
-
21
AOK Baden-Württemberg.
Unternehmensbericht 2017. Accessed January 17, 2021 at: https://aok-bw-presse.de/ueber-uns/unternehmensbericht-der-aok-baden-wuerttemberg-ausgabe-2017.html