Pneumologie
DOI: 10.1055/a-1509-7014
Originalarbeit

Invasive und nicht-invasive außerklinische Beatmung in Deutschland

Eine rasante Entwicklung mit großen regionalen UnterschiedenInvasive and Non-Invasive Home Mechanical Ventilation in GermanyA Rapid Development with Large Regional Differences
Sarah Bettina Schwarz
1  Lungenklinik Merheim, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Witten/Herdecke University, Cologne, Germany
,
Maximilian Wollsching-Strobel
1  Lungenklinik Merheim, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Witten/Herdecke University, Cologne, Germany
,
Daniel Sebastian Majorski
1  Lungenklinik Merheim, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Witten/Herdecke University, Cologne, Germany
,
Friederike Sophie Magnet
1  Lungenklinik Merheim, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Witten/Herdecke University, Cologne, Germany
,
Tim Mathes
2  IFOM – Institute for Research in Operative Medicine, Witten/Herdecke University, Cologne, Germany
,
Wolfram Windisch
1  Lungenklinik Merheim, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Witten/Herdecke University, Cologne, Germany
› Author Affiliations
Die Autorengruppe wird aus Mitteln des Innovationsfonds zur Förderung von Versorgungsforschung (§ 92a Abs. 2 Satz 1 SGB V) gefördert („OCONIV“ – Ambulante Kontrollen bei außerklinischer nicht-invasiver Beatmungstherapie: Eine randomisiert kontrollierte Studie). Das Förderkennzeichen lautet: 01VSF19051.

Zusammenfassung

Hintergrund Die Zahl der außerklinisch beatmeten Patienten in Deutschland ist seit Jahren steigend. Allerdings liegen detaillierte Daten zur stationären Einleitung sowie stationären Kontrolle einer außerklinischen Beatmung nicht vor. Dies erscheint allerdings zwingend notwendig, um die Versorgungsstrukturen in Deutschland bestmöglich auszurichten. Hierbei ist es wichtig, auch regionale Unterschiede zu berücksichtigen, um die Versorgungsstrukturen bedarfsgerecht zu planen.

Methode Analysiert wurden die Datensätze des Statistischen Bundesamtes über die OPS (Operation and Procedure Classification System)-Kennziffern zur außerklinischen Beatmung in der stationären Patientenversorgung im Zeitraum von 2008–2019 (N = 572 494).

Ergebnisse Erstens: Zwischen 2008 und 2019 hat sich die Zahl der Einleitungen und Kontrollen mehr als verdoppelt. Die Zahl der Neueinleitungen (N = 17 958) und der Kontrollen (N = 49 140) war im Jahr 2019 am höchsten. Zusätzlich zeigt sich die Entwicklung der außerklinischen Beatmung auf Bundeslandebene sehr heterogen. Die Anstiege sind dabei insbesondere auf die Steigerung der nicht-invasiv beatmeten Patienten zurückzuführen.

Schlussfolgerung Die rasante Entwicklung in der außerklinischen Beatmung stößt an kapazitäre Grenzen der bestehenden Versorgungsstruktur. Zukünftige Versorgungsstrukturen sollten eine engere Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Medizin erlauben, um Patienten mit außerklinischer Beatmung mit hoher Behandlungsqualität versorgen zu können, ohne die personellen und ökonomischen Grenzen des Systems zu sprengen.

Abstract

Background The number of patients using home mechanical ventilation (HMV) is steadily increasing in Germany. Detailed data on inpatient initiation and control of HMV are not available. This, however, is absolutely necessary in order to optimize the medical care structures in Germany. Regional diversities must be taken into consideration in order to provide care structures that reflect the local needs.

Method The data sets of the German Federal Statistical Office on the OPS (Operation and Procedure Classification System) for HMV from 2008 to 2019 were analysed (N = 572,494).

Results Between 2008 and 2019 there was a doubling of the number of HMV initiations and controls. The number of initiations (N = 17,958) and controls (N = 49,140) was highest in 2019. Furthermore, at the state level, the development of HMV is very heterogeneous. Finally, the increases were particularly due to an increase in non-invasively ventilated patients.

Conclusion The rapid increase in HMV is reaching capacity limits of the existing healthcare structure. New healthcare structures should provide an integrated approach between outpatient and inpatient care in order to ensure a high quality of care for patients receiving HMV without compromising the human and economic resources of the system.

Kernaussagen
  • Zwischen 2008 und 2019 haben sich die stationären Fallzahlen sowohl zur Einleitung als auch zur Kontrolle einer außerklinischen Beatmung in Deutschland mehr als verdoppelt.

  • Mit knapp 18 000 stationären Neueinleitungen und über 49 000 stationären Kontrolluntersuchungen einer außerklinischen Beatmung jährlich müssen die existierenden Versorgungsstrukturen überdacht werden.

  • Ethische Aspekte müssen insbesondere bei eingeschränkter Lebensqualität, älteren Patienten, solchen mit schweren Komorbiditäten und Patienten mit invasiver außerklinischer Beatmung nach erfolglosem Weaning Beachtung finden.

  • Es braucht einen Systemwandel im Gesundheitswesen mit langfristiger, ethisch ausgerichteter Strategie, die sich nicht alleine an der Gewinnmaximierung orientieren darf und die eine engere Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Medizin erlaubt, um Patienten mit außerklinischer Beatmung mit hoher Behandlungsqualität versorgen zu können, ohne die ökonomischen Grenzen des Systems zu sprengen.



Publication History

Received: 22 April 2021

Accepted: 13 May 2021

Publication Date:
25 June 2021 (online)

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