Z Sex Forsch 2021; 34(02): 121-123
DOI: 10.1055/a-1476-9847
Buchbesprechungen

Vom Himmel auf Erden. Was Sexualität für uns bedeutet

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Christoph Joseph Ahlers mit Michael Lissek. Vom Himmel auf Erden. Was Sexualität für uns bedeutet. München: Goldmann 2017. 448 Seiten, EUR 9,99

Der Autor arbeitet als Sexualtherapeut in freier Praxis. Zusammen mit Gerard A. Schaefer leitet er das Institut für Sexualpsychologie in Berlin. Er ist Dozent, Lehrtherapeut und Supervisor für Sexualdiagnostik, Sexualberatung und Sexualtherapie der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW), der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) sowie der Österreichischen Akademie für Sexualmedizin (ÖASM). Hervorheben möchte ich, dass Ahlers zu den wenigen psychologischen Sexualtherapeut:innen zählt, die auf allen Gebieten der Sexualtherapie arbeiten (Therapie der sexuellen Funktionsstörungen, Transgender-Therapie, sexualforensische Therapie sowie Paarberatung bei unerfülltem Kinderwunsch).

Das lesenswerte Buch kann als umfangreiches Interview des Autors mit Michael Lissek charakterisiert werden. Auf der einen Seite ein feinfühliger und klug fragender Hörfunkautor und auf der anderen Seite ein engagierter Sexualtherapeut, der Freude daran hat, seine reichhaltigen klinischen Erfahrungen und Erkenntnisse in freier Rede wieder- und weiterzugeben. Dieses Prinzip macht das Buch leicht lesbar, denn Ahlers spricht seine Leser:innen durch den real anwesenden, zugewandten Michael Lissek an, der seinerseits den Autor anhält, nicht abzuschweifen, und ihn durch seine intelligenten Fragen anregt, Sachverhalte zu vertiefen, und ihn auch hier und dort affektiv spiegelt. Herausgekommen ist ein zugleich unterhaltsames und lehrreiches – aber nicht belehrendes – Sachbuch, das interessierte Leser:innen breit informiert und ihnen Anregungen gibt, sich über ihre eigene Sexualität Gedanken zu machen; aber auch ein Buch, das sexualtherapeutisch Tätigen vielfältige Anstöße liefert, ihre eigene Praxis zu überdenken.

Der dialogische Aufbau des Buches korrespondiert mit der theoretischen Grundannahme des Autors, dass die menschliche Sexualität wesenhaft als Kommunikation – oder auch als kommunikativer Prozess – verstanden werden kann. Das ist die zentrale Theorie der Berliner Schule der Sexualwissenschaft von Klaus M. Beier und Kurt Loewit, die im 1. Kapitel „Erlösung durch Überwindung von Vereinzelung – Sex als Kommunikation“ vermittelt wird. In der Kurzbeschreibung des Buches durch den Verlag heißt es hierzu: „Der klinische Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers sieht Sex als intimste Form von Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht, als intensivste Möglichkeit, wechselseitige Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Verbundenheit und Intimität zu erfüllen.“

Einen Überblick über den Inhalt des Buches mag der folgende Schnelldurchlauf durch die Themen der weiteren Kapitel bieten, die auch die inhaltlichen Akzentuierungen des Verfassers deutlich werden lassen: Im 2. Kapitel geht es nicht nur um die „Sexualpräferenz“ (d. h. die sexuelle Orientierung), sondern davon abgehoben auch um die „Beziehungspräferenz“. Weitere Kapitel handeln vom „Verlieben und Zusammenkommen“ (3. Kapitel), der „Erosion der Beziehungssexualität“ (4. Kapitel) sowie „Sexuellen Funktionsstörungen in der Burn-out-Society“ (5. Kapitel). Das 6. Kapitel konzentriert sich auf die Optimierung des menschlichen Körpers, beschrieben als „Toyotaisierung der Körper“; das 7. Kapitel wendet sich den Varianten der Geschlechtsidentität zu. Danach geht es um die Sexualität im digitalen Zeitalter, „Internetsexualität 2.0.“ (8. Kapitel), das „World Wide Porno Web“ (9. Kapitel) sowie das Thema „Unerfüllter Kinderwunsch – zwischen sexueller Fortpflanzung und medizinischer Reproduktion“ (10. Kapitel). Das 11. Kapitel thematisiert ungewöhnliche sexuelle Vorlieben, früher Perversionen genannt, heute als Paraphilien oder Varianten sexueller Praktiken bezeichnet: „Von ungewöhnlich über schräg bis daneben“. Im 12. und letzten Kapitel gibt der Autor einen näheren Einblick in seine Tätigkeit als Sexualtherapeut: „Reden, worüber man nicht spricht“.

Zu all diesen Themen liefert das Buch passagenweise im Plauderton und rhetorisch die Nägel auf den Kopf treffend jede Menge Aha-Erlebnisse, plastische Bilder, witzige Metaphern, z. B. aus der Computer-Technik, und passende Zitate, die einen fokussierten Zusammenhang abrunden oder auf den Punkt bringen. Die 439 Textseiten werden abgerundet durch ein sechsseitiges Sachwortregister. Dem Buch hätte auch noch ein Literaturverzeichnis gutgetan. Außerdem habe ich ein Personenregister vermisst, das helfen könnte, Zitate geschichtlicher Persönlichkeiten, an denen es nicht mangelt, wieder aufzufinden oder Bezugnahmen des Autors auf Klassiker wie Freud, Hirschfeld, Kinsey oder zeitgenössische Sexualforscher:innen aufzuspüren.

Ahlers gelingt es, eine sehr große Bandbreite menschlicher Erlebnis- und Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität (und damit auch die entsprechenden klinischen Spektren z. B. von Hypersexualität bis Asexualität) darzustellen. Zudem werden Leser:innen nicht mit Statistiken belästigt. Wenn der Autor empirische Studien zitiert, dann nur die Essenz ihrer Ergebnisse. Seine Darstellungen bleiben phänomenologisch und seine Erörterungen dialektisch. Damit entgeht er der Gefahr, zu pathologisieren. In seinen Beschreibungen sexueller Probleme gelingt es ihm gut, wechselnde Perspektiven einzunehmen, z. B. die von beiden Partner:innen, von Therapeut:innen und von außenstehenden Zuhörer:innen bzw. Leser:innen. Der Autor bewegt sich im Kosmos einer binären Geschlechterordnung, was der Lesbarkeit des Buches zugutekommt, zumal er sich nicht in abgehobene Gender-Diskurse verwickelt. Andererseits scheint er die Vielfalt der Geschlechter ganz auszublenden.

Ich möchte dieses Buch Psychotherapeut:innen ans Herz legen, in deren alltäglicher Praxis die Sexualität ihrer Patient:innen oft kaum oder gar keine Beachtung findet. Die Lektüre des Buches könnte sie inspirieren, Interesse an ihren Patient:innen als sexuelle Wesen zu entwickeln.

Im Weiteren konzentriere ich mich darauf, das Buch für sexualtherapeutisch arbeitende Kolleg:innen aus meiner eigenen sexualtherapeutischen Sicht zu besprechen. Exemplarisch möchte ich drei Kapitel näher herausheben. Am besten hat mir das 3. Kapitel über das „Verlieben und Zusammenkommen“ gefallen, weil in ihm die Stärken des Autors vielleicht am besten zu Geltung kommen. Zunächst beschreibt er das Phänomen einseitiger Verliebtheit als misslingende Kommunikation; dann die Verliebtheit eines Paares ineinander als eine ganz besondere Form der Kommunikation in seiner Gegenwärtigkeit, die für Verliebte nie enden soll; schließlich die entstehenden Beziehungsdynamiken, die sich aus den Anfangserwartungen und dem „Illusionsvertrag“ der Liebenden auf der Zeitachse ergeben können.

Am wenigsten einverstanden war ich mit dem 7. Kapitel „Transgender now! Geschlechtlichkeit nach medialem Schnittmuster“. Treffend fand ich noch die Darstellung des Autors, was es heißt, transidentisch zu sein. Einverstanden war ich auch noch mit dem Autor, dass es – vereinfacht gesagt – „echte“ Trans-Patient:innen gibt, auch wenn die Differenzialdiagnose in allen Altersstufen schwer zu stellen ist, weshalb ja Indikationen für irreversible geschlechtsangleichende Maßnahmen erst nach ausreichend langen Beobachtungszeiträumen gestellt werden können. Verwunderung löste bei mir Ahlers’ Verwendung des Begriffs der Geschlechtsdysphorie aus, den er wohl dem Wortklang nach eher als geschlechtliches Unbehagen versteht, was ubiquitär und nicht nur bei „echten“ Trans-Patient:innen vorkommt. Von allen Transgender-Therapeut:innen, die mir bekannt sind, wird Geschlechtsdysphorie in Anlehnung an das alte „Diagnostic Statistical Manual“ (DSM-IV) als die typische Form des Leidens transidentischer Patient:innen unter ihrem als nicht stimmig empfundenen Geschlechtskörper verstanden. Hinsichtlich der Behandlung von Trans-Jugendlichen vertritt Ahlers die Auffassung, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen erst mit Erreichen des Erwachsenenalters ermöglicht werden sollten. Seiner eigenen Logik folgend müsste der Autor aber einräumen, dass es auch eine Kern-Gruppe „echter“ Trans-Jugendlicher gibt, die nicht nur unter ihrer Geschlechtsdysphorie extrem leiden, sondern deren gesamte psychosexuelle Entwicklung schwer beeinträchtigt wird. Ihnen zuzumuten, auf eine hormonelle pubertätsaufhaltende Behandlung zu verzichten, nur um befürchtete Fehlindikationen zu vermeiden, ließe sich nur rechtfertigen, wenn es Therapeut:innen gäbe, die bereit wären und es schaffen würden, solche Jugendliche haltend psychotherapeutisch zu begleiten, bis sie volljährig sind. An einer interessanten Stelle im Kapitel spiegelt der Interviewer Lissek den Autor Ahlers affektiv. Es geht darum, wie mit einem Professor für Gender Studies umzugehen sei, der für sich eine non-binäre Geschlechtsidentität reklamiert und auf eine geschlechtsneutrale Anrede wie „Sehr geehrtx Profx. xy“ besteht. „Lissek: „Warum entsteht bei Ihnen an dieser Stelle so viel Unmut?“ Ahlers: „Von Unmut kann keine Rede sein. Ich lege nur meinen Gegenstandpunkt […] dar, weil er […] so gut wie nicht vertreten wird“ (S. 251). Ahlers charakterisiert die Zumutung des „Profx“ als „sozialnormative Gegensetzung“ einer Minderheit Betroffener von „0.1 Prozent“ (S. 251).

Als Vertreter des Hamburger Modells der Sexualtherapie für Paare fand ich das 12. Kapitel „Reden, worüber man nicht spricht – Die Sexualtherapie“ besonders spannend und praktisch anregend, weil im zweiten Teil des Kapitels aufzeigt wird, wie die Syndiastische Sexualtherapie auf der von Masters und Johnson entwickelten Sexualtherapie aufbaut und diese modifiziert. Die zahlreichen klinischen Beispiele des Autors können Sexualtherapeut:innen dazu anregen, diese vor dem Hintergrund ihrer eigenen Referenzsysteme zu bewerten, besonders dann, wenn sie sich einer anderen als der Berliner sexualwissenschaftlichen Schule zugehörig fühlen. Die Ausführungen in den einzelnen Kapiteln rufen sowohl den Abgleich mit persönlichen sexuellen Entwicklungserfahrungen als auch den Vergleich mit eigenen sexualtherapeutischen Erfahrungen auf.

Beim persönlichen Leseerlebnis ging es mir öfters so, dass ich mich gerne anstelle des Interviewers eingeschaltet hätte, um eigene Fragen an den Kollegen Ahlers zu stellen. Diese Selbstbeobachtung legt den Gedanken nahe, dass das Buch mit seiner Prämisse, Sexualität sei vor allem Kommunikation, auch die Kommunikation unter den verschiedenen Therapieschulen anzuregen vermag. Das Buch ist nicht nur Kolleg:innen zu empfehlen, die sich in sexualtherapeutischer Ausbildung befinden. Auch für bereits erfahrene Sexualtherapeut:innen kann die Lektüre des Buches ein Gewinn sein. Sie können sich über weite Strecken in der Grundhaltung des Autors wiederfinden, der immer auf dem therapeutischen Teppich bleibt und damit auf dem sicheren Boden guter klinischer Praxis; und dem es gelingt, seine Patient:innen als je einmalige Menschen im Blick zu behalten, die sich nach dem „Himmel auf Erden“ sehnen und doch unter der Hölle in ihren Köpfen leiden.

Wilhelm F. Preuss (Hamburg)



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Publication Date:
09 June 2021 (online)

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