AkupunkturPraxis 2021; 2(02): 68-69
DOI: 10.1055/a-1350-2351
Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Taras Usichenko
,
Joanna Dietzel

Dieses Heft widmet sich einem in der täglichen Praxis weit verbreiteten Krankheitsbild: den Tendinopathien. Der Begriff Tendinopathie umfasst verschiedene pathologische Veränderungen der Sehnen, die durch Schmerzen, Funktionsverlust und verminderte Belastungstoleranz gekennzeichnet sind [1]. Die häufigsten in der Praxis auftretenden Tendinopathien (hier: Inzidenz, bezogen auf Gesamtbevölkerung) betreffen die Sehnen der Rotatorenmanschette (5,5 %), die der Gesäßmuskulatur (4,2 %), die Achillessehne (2,4 %), die Patellarsehne (1,6 %) und die Sehnen der Epikondylen des medialen und lateralen Ellenbogens (1,3 %) [1] [2] [3]. Das Management von Patienten mit Tendinopathie umfasst diverse physiotherapeutische Übungsprogramme, pharmakologische Strategien und chirurgische Eingriffe (hier ist die Wirksamkeit bisher nur teilweise belegt).

Im Beitrag „Tendinopathien – Anatomie und Pathogenese“ dieses Hefts beschreibt Dr. Peuker typische histologische und molekulare Veränderungen bei Patienten mit Tendinopathie und bereitet damit eine Grundlage für das Verständnis des klinischen Verlaufs dieser Erkrankung sowie für die Beurteilung von optimalen Therapiemöglichkeiten.

In seinem akademisch exzellent aufgebauten CME-Übersichtsartikel „Tendinopathien in der Praxis“ beleuchtet Dr. Kamp anhand neuester Literaturquellen die aktuelle Sichtweise auf Tendinopathien, inklusive Klassifikation, Epidemiologie, Pathogenese, Diagnostik und Therapie. Sie finden hier praktische Empfehlungen für die therapeutische Versorgung von Patienten mit Tendinopathien in den „Take-Home-Messages“.

Dr. Kretschmer gibt uns in seinem Beitrag „Enthesiopathie und Enthesitis“ einen Einblick in die Enthesiopathien, die bereits als Prodromi bei systemischen rheumatischen Erkrankungen auftreten können.

Der Gastbeitrag „Schulterschmerzen“ von Dr. Cummings widmet sich der Diagnostik und Therapie einer der häufigsten Tendinopathien: der Rotatorenmanschetten-Tendinopathie. Dr. Cummings stellt die klinischen Untersuchungstechniken der Schulter vor und beschreibt als international bekannter Experte die effektivsten evidenzbasierten Methoden der Akupunktur (inkl. Elektrostimulationsakupunktur).

In seinem Beitrag „Behandlung von Tendinopathien mit Akupunktur aus Sicht der Chinesischen Medizin“ stellt Dr. Kirchhoff eine weitere, ausführliche Übersicht der Behandlung von verschiedenen Tendinopathien mit Akupunktur vor. Der Beitrag liefert außerdem ein klassisches Beispiel für die Ergänzung von moderner Medizin durch TCM und beleuchtet den Stellenwert der „westlichen“ medizinischen Diagnose für die Therapieplanung mit Akupunktur und der Punktauswahl. Hier wird u. a. deutlich, dass eine TCM-Diagnostik unter Berücksichtigung des Systems der tendinomuskulären Leitbahnen und des Konzepts der Bi-Syndrome eine individualisierte Versorgung der Tendinopathien viel präziser ermöglicht.

In einem Fallbeispiel berichten Dr. Agarwal und Lee über eindrucksvolle klinische Erfolge bei der Therapie einer akuten belastungsinduzierten Achillodynie bei Fußballspielern der Leistungsklasse mit koreanischer Handakupunktur in Kombination mit lokalen physikalischen Behandlungsmaßnahmen. Im Ausblick stellen die Autoren eine ausführliche Empfehlung zur Behandlung der Belastungstendinopathie der Achillessehne vor, inklusive traditioneller Körper- und Ohrakupunktur sowie koreanischer Handakupunktur.

Im Journal-Club dieses Hefts stellen wir mehrere klinische Studien vor, u. a. zur Erforschung von Akupunkturmechanismen. In einem Beitrag konnte die durchblutungsfördernde Wirkung der Akupunktur der Achillessehne bei lokaler Nadelung im Vergleich zu lokaler Druckmassage an gesunden Probanden demonstriert werden (s. Beitrag „Tendinopathien – Anatomie und Pathogenese“). Diese Beobachtung ist interessant, da für einen Pathomechanismus der Tendinopathie eine reduzierte Durchblutung mit nachfolgender Neovaskularisierung und überschießender sympathosensorischer Kopplung postuliert wird. In einer anderen Untersuchung konnte neben lokalen Effekten am Handgelenk auch die Beteiligung zentralnervöser Strukturen, und zwar neuroplastische Veränderungen im primären somatosensorischen Kortex, bei der Akupunkturbehandlung von Patienten mit Karpaltunnelsyndrom dargestellt werden.

Mit dieser Ausgabe der AkupunkturPraxis reagieren wir einerseits auf die zunehmende Verwendung von Akupunktur im praktischen Bereich bei schmerzhaften Tendinopathien und stellen zudem eine Übersicht vom aktuellen wissenschaftlichen Verständnis der Wirkmechanismen zusammen, die aus den zahlreichen, neuen klinischen Studien zum Thema Tendinopathien ausgewählt wurden.

Taras Usichenko und Joanna Dietzel



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Publication Date:
14 May 2021 (online)

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