Der Klinikarzt 2020; 49(12): 528-529
DOI: 10.1055/a-1290-2534
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In aller Munde und in jedem Darm: unser intestinales Mikrobiom

Christian Trautwein

Das Wissen um die Bedeutung des Darmmikrobioms hat in den letzten Jahren exponenziell zugenommen. Etwa 300–500 Bakterienspezies mit fast 2 Millionen Genen, leben mit und in uns, und dies in Form einer evolutionär höchst erfolgreichen Symbiose [1]. Warum sollten wir uns diesen Umstand nicht auch diagnostisch und therapeutisch zunutze machen? Das ist eine verlockende Aussicht, die immer mehr Gestalt annimmt. Doch obwohl wir immer mehr über unsere mikrobielle Wohngemeinschaft wissen, sind wir noch längst nicht am Ende der Forschung und aktuell weit davon entfernt, alle Zusammenhänge zu verstehen.

Als Gastroenterologe und Hepatologe hat mich schon immer das Zusammenspiel unserer Verdauungsorgane fasziniert. Insbesondere das Mikrobiom ist im Fokus der aktuellen medizinischen Forschung und führt quasi täglich zu neuen Entdeckungen. Die ersten Beschreibungen der mit dem Menschen in Verbindung stehenden Mikrobiota datieren auf die Jahre 1670–1680, als Antonie van Leeuwenhoek mit den ersten brauchbaren Mikroskopen die Organismen seiner Mundflora, aber auch seiner Exkremente beschrieb. Er erkannte bereits unterschiedliche Spezies, aber auch Unterschiede in deren Zusammensetzung abhängig von Lokalisation, Gesundheit und Krankheit. 1853 publizierte Joseph Leidy das Werk „Flora and Fauna within living animals”, was als Startschuss der Mikrobiota-Forschung gelten kann. Die Übertragung von Mikroorganismen zwischen Menschen mittels fäkalem Mikrobiomtransfer (FMT) war bereits in der traditionellen chinesischen Medizin bekannt, um Lebensmittelvergiftungen und schwere Durchfälle zu behandeln. Der erste FMT in der westlichen Medizin datiert hingegen erst auf das Jahr 1958, als Ben Eisenman erfolgreich 4 Patienten mit pseudomembranöser Kolitis behandelte [2]. Trotzdem hat es noch etliche Jahre gebraucht, bis die Mikrobiomforschung so richtig anlief. Und das tut sie mit steigendem Tempo: Während im Jahr 2007 80 Artikel unter dem Stichwort „human gut microbiota“ zu finden waren, gab es im Jahr 2015 schon über 1500 [3].

In allen Bereichen der Gastroenterologie und Hepatologie, aber auch der Neurowissenschaften, der Diabetes- und Herz-Kreislaufforschung ist das humane Mikrobiom ein „hot topic“. Aber was kommt bei uns in der Klinik an, was können wir in den nächsten Jahren für unsere Patienten erwarten? Unbestritten ist mittlerweile nur die Indikation zur Rezidivprophylaxe bei Clostridioides-difficile-assoziierten Diarrhoen. Für die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sieht die Lage momentan noch heterogen aus: Wir wissen, dass das Mikrobiom eine wichtige Rolle spielt – aber was genau über Erfolg oder Misserfolg einer Therapie entscheidet, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unvollständig verstanden. Das zeigen die heterogenen Daten der Studien, wo schon die Existenz (oder das Fehlen) eines einzigen Superspenders die Ergebnisse beeinflussen kann. Abgesehen davon, bei genauem Studium der Protokolle, zum Beispiel einer australischen Arbeit zur Colitis ulcerosa, zeigt sich, dass zur Remissionsinduktion rektale Einläufe mit Transplantat erforderlich sind, und das mehrmals pro Woche [4]. Für eine breite klinische Anwendung mit einer entsprechenden Akzeptanz der Patienten, wie dies für bestehende Therapien der Fall ist, reicht unser Wissen noch nicht aus.

Ich gehe davon aus, dass das humane Mikrobiom über Jahre ein „hot topic“ sein wird. Dabei wird seine klinische Bedeutung für Diagnose und Therapie von Erkrankungen immer wichtiger werden.



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Publication Date:
15 December 2020 (online)

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