physiopraxis 2021; 19(01): 18-22
DOI: 10.1055/a-1255-6791
Wissenschaft

Internationale Studienergebnisse

Subakromiales Schmerzsyndrom – Subakromialer Spalt nicht verengt

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ABB. Gelenkhöhle des Schultergelenks von ventral. Der subakromiale Raum zwischen Humeruskopf und Akromion scheint bei einem subakromialen Schmerzsyndrom nicht enger zu sein als bei gesunden Probanden, zeigen Ergebnisse einer systematischen Übersichtsarbeit. Abb.: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Illustrationen von K. Wesker. 5. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2018

Das subakromiale Schmerzssyndrom (SAPS) ist eine der häufigsten Diagnosen bei Schulterschmerz [1]. Oft fällt im Rahmen dessen der Begriff Schulter-„Impingement“, also etwas ähnlich einer „Einklemmung“ [2]. Demnach liegt eine mechanische Ätiologie vor, nämlich dass subakromiale Strukturen gegen die Unterseite des Akromions „drücken“, was sich in schmerzhaften Symptomen wie Painful Arc [3] bei Abduktion oder einem positiven Hawkins-Kennedy-Test [4], Neer-Test [5] oder Emtpy-Can Test [6] äußern würde.

Ob diese mechanische Annahme gehalten werden kann, untersuchten Physiotherapeuten aus Australien und Dänemark in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse. Der Argumentation nach müsste sich ein Unterschied im subakromialen Spalt schmerzhafter Populationen gegenüber schmerzfreien Personen zeigen. Zudem müssten sich bei einer Veränderung des subakromialen Spalts die Symptome „Schmerz“ und „Behinderung“ verändern. Sie verglichen dazu 15 Studien mit insgesamt 775 Patientendatensätzen. 12 Studien waren von hoher, 3 Studien von moderater Qualität.

Die Forscher fanden in der Auswertung keinen Gruppenunterschied in Bezug auf die Ausprägung des subakromialen Spalts in neutraler Schulterposition (SD [95% CI] 0,28 [−0,13 bis 0,69] mm), in 45° Schulterabduktion (−0.02 [−0,99 bis 0,96] mm) und 60° Schulterabduktion (−0,20 [−0,61 bis 0,20] mm). Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte sich bei Patienten mit SAPS in neutraler Schulterposition sogar eine größere Occupation Ratio („gesamter zur Verfügung stehender Raum im Verhältnis zum belegten Raum“) (5,14 [1,87 bis 8,4] %). Der Zusammenhang zwischen der subakromialen Höhe und den Symptomen „Schmerz“ und „Behinderung“ konnte sich demnach nicht bestätigen.

Kommentiert von Physio Meets Science

Fazit für die Praxis

Die Ergebnisse zeigen, dass operative Behandlungsmethoden wie subakromiale Dekompression und nicht operative Interventionen bei weitem nicht nur auf eine Vergrößerung des subakromialen Spalts abzielen darf. Therapeuten sollten stattdessen das biopsychosoziale Schmerzmanagement in den Vordergrund stellen und ihre Patienten aus ethischer Sicht auch darüber aufklären.

PMS

Sci Rep 2020; 10: 20611


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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
08. Januar 2021 (online)

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