Suchttherapie 2020; 21(04): 177
DOI: 10.1055/a-1250-4480
Neues & Trends

The College of Problems on Drug Dependence 22.–24. Juni 2020

Reimer Jens

Üblicherweise sind schon die Kongressorte des Colleges of Problems on Drug Dependence (CPDD) für sich alleine eine Reise wert, vergangene Veranstaltungen fanden bspw. im La Quinta Resort and Club Palm Springs, Caribe Hilton San Juan Puerto Rico oder Hilton Bay Front San Diego statt. Die Basis der CPDD-Kongresse ist jedoch immer ein hochaktuelles, anspruchsvolles Tagesprogramm. Im Zusammenspiel mit den reizvollen Orten ergab sich so oft ein stimulierendes Umfeld, um Suchtfragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Coronapandemie veranlasste nun auch das CPDD zur Durchführung einer virtuellen Tagung. Während nahezu alle wissenschaftlichen Kongresse Covid-bedingt virtuell wurden (falls sie nicht ganz ausfielen), ging der aktuelle Bezug des CPDD-Kongresses noch weiter. Auch als Auslauf der rassistisch motivierten Polizeigewalt in den USA wurden die CPDD Grundsätze zu Diversität, Inklusion und Gleichheit noch einmal besonders betont. Verschiedene Vortragende nahmen diesen Themenkanon auf, zugleich auch im Sinne als selbst Betroffene eines von (Selbst)Stigma gekennzeichneten Gebietes der Medizin. Der Leitsatz der CPPD „We are committed to creating an environment where everyone feels safe, valued and included.“ hat sicher auch seinen Wert über dieses Fachkollegium hinaus.

Wie funktioniert nun so ein virtueller internationaler Kongress? Auch hier hat sich das CPDD bemüht einen guten Rahmen zu finden. Twitter und Netiquette Reminder wiesen die Teilnehmer darauf hin, sich auch in dieser Art von Treffen höflich und respektvoll zu verhalten und das Ziel, die Wissenschaft im Bereich der Substanzgebrauchsstörungen und den diesbezüglichen Dialog zu fördern, im Auge zu behalten. Spürbar war, dass die Teilnehmenden sich freuten miteinander in den fachlichen Austausch treten zu können. In einigen Sessions ergaben sich quasi intime Momente, wenn 4 oder 5 Teilnehmende untereinander diskutierten. Dies funktioniert natürlich am besten, wenn sich die Teilnehmenden bereits zuvor persönlich kannten. Die Atmosphäre von Plenarveranstaltungen zu transportieren ist weitaus schwieriger. Auch war an der einen oder anderen Stelle technisch noch nicht alles ganz zufriedenstellend gelöst.

Inhaltlich spiegelten sich die Auswirkungen der Coronapandemie auch im Kongressprogramm; insbesondere in Bezug auf Personen mit einer Opioidgebrauchsstörung. Diskutierte Themen umfassten hier (zusätzliche) Stigmatisierung, Zugang zu Behandlung, eingeschränkten Peer-Support, unsichere Wohnsituation und Konsequenzen der Kriminalisierung/Inhaftierung jeweils vor dem Hintergrund der Opioidabhängigkeit und dem zusätzlichen Coronarisiko. Als mögliche Chancen wurden Telemedizin, Hotlines für psychische Gesundheit, virtuelle Peer-Treffen, Ausweitung von Take-Home bzw. Ausweitung von Depotapplikationen, Freilassung von nicht gewalttätigen Drogengebrauchern aus dem Gefängnis und die Entwicklung von webbasiertem Schulungsmaterial gesehen. M.E. könnte die Herauslösung aus der Drogenszene auch im Weiteren adressiert werden.

In den vorgenannten Bereichen fanden sich beispielhaft u.a. folgende Studien: Kelly Moore aus Tennessee konnte zeigen, dass ein verpflichtendes Suchttherapieprogramm bei aus dem Gefängnis entlassenen Drogengebrauchenden zu einer Minderung von Stigma sowohl bezüglich des Drogengebrauches als auch der kriminellen Vorgeschichte führen kann. Sharon Reif und Kollegen aus Massachusetts wiesen auf die besonderen Bedürfnisse substanzgebrauchender Personen mit körperlichen Behinderungen bezüglich des Wohnen sowie des Zugangs zu Therapie hin. In einer Arbeit aus Kentucky belegten Lindsey Hammerslag und Kollegen, dass auch bei Ratten ein entsprechender Peer-Kontakt das Drogenkonsumverhalten (hier: Remifentanil) beeinflusst. Im Kontext der Covid-Auswirkungen wiesen Taylor Ochalek und Kollegen aus Virginia auf den deutlichen Anstieg von Opioidüberdosierungen hin. Die Applikation von Depot-Buprenorphin ging in einer von Nicholas Lintzeris, Sydney, geleiteten Studie mit einer höheren Behandlungszufriedenheit und Lebensqualität im Vergleich zu oralem Buprenorphin einher. Andrew James und Kollegen aus Arkansa entwickelten eine Smartphone App (Optima), die substitutierte Opioidabhängige vor Rückfällen schützen soll, erste Nutzererfahrungen zeigten sich positiv.

Der Kongress behandelte gesamthaft alle Substanzgebrauchsstörungen, die Themen Cannabis, Vaping/E-Zigaretten und übergreifend Diversität spielten im Vergleich zu deutschen Kongressen eine vergleichsweise große Rolle.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass auch die Teilnahme an einem virtuellen Kongress sehr befruchtend sein kann. Der Schwung und die Dynamik, die ein persönliches Zusammensein bietet, sind allerdings nicht zu ersetzen. Insofern wäre gegen eine Fortsetzung in der realen Welt nichts einzuwenden.

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Kongress: Science in itself is at its best when it is most inclusive, and humans are best when we embrace diversity.

Jens Reimer, Hamburg/Bremen



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Publication Date:
11 November 2020 (online)

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