Gesundheitswesen
DOI: 10.1055/a-1236-3630
Kurzmitteilung/Kasuistik

Interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen fördert einen solidarischen Umgang

Intercultural Opening in Health Care Promotes Solidarity
,
Anna Mratschkowski
,
David Matusiewicz

Zusammenfassung

Ziel Durch die Zunahme soziokultureller Vielfalt steigt auch im deutschen Gesundheitswesen die Bedeutung interkultureller Öffnungsprozesse. Die vorliegende Studie untersucht anhand von 4 Fallbeispielen, inwiefern eine organisational angelegte interkulturelle Öffnung (IKÖ) sich auf system- und sozialintegrativer Ebene auswirkt. Auf Basis der empirischen Ergebnisse können praxisorientierte Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

Methodik Mittels sozialwissenschaftlicher qualitativer Methoden wurde an 21 Beobachtungstagen in 2 Krankenhäusern und 2 ambulanten Pflegediensten in NRW eine teilnehmende Beobachtung durchgeführt. Die untersuchten Einrichtungen unterschieden sich hinsichtlich des interkulturellen Öffnungsgrades. Die Beobachtungen wurden systematisch protokolliert und anhand der dokumentarischen Methode mit MAXQDA induktiv kategorienbasiert ausgewertet. Die Herangehensweise knüpft an die Bourdieu’sche Feld-Habitus-Theorie [7] und die Beobachtungsfelder wurden in Anlehnung an Lockwood auf system- und sozialintegrativer Ebene [8] analysiert.

Ergebnisse Das ausgearbeitete Kategoriensystem setzt sich aus 4 Hauptkategorien (Methodologie, Arbeitsorganisation, Kommunikation, Pflege- und Medizinsystem) und 918 Sub-Kategorien zusammen. Eine interkulturelle Öffnung der Organisation in Form von einem interkulturellen Team und angebotenen Maßnahmen zur interkulturellen Öffnung gehen mit einem höheren Maß an Solidarität einher.

Schlussfolgerungen Der interkulturelle Öffnungsprozess im Gesundheitswesen ist auf system- und auf sozialintegrativer Ebene zu verankern, um effizientere Versorgungsabläufe und einen solidarischen Umgang zu befördern. Da IKÖ mit zusätzlichen zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen verbunden ist, braucht es von Seiten der Geschäftsführung eine strategische Entscheidung einerseits und einen von oben bewusst gesteuerten Öffnungsprozess andererseits. Dieser ermöglicht es den Mitarbeitenden, die traditionelle Organisationskultur in einem Aushandlungsprozess partizipativ mitzugestalten.

Abstract

Aim Due to the increase in socio-cultural diversity, the importance of intercultural opening processes is also increasing in the German health care system. The present study examines on the basis of 4 case studies to what extent an organisationally designed intercultural opening (IKÖ) has an effect on the system and social integration level. On the basis of the empirical results, practice-oriented recommendations can be derived.

Methods Using socio-scientific qualitative methods, a participating observation was carried out on 21 days in 2 hospitals and 2 outpatient care services in NRW. The institutions examined differed in terms of the degree of intercultural openness. The observations were systematically recorded and evaluated using the documentary method with MAXQDA inductive category-based evaluation. The approach is based on Bourdieu’s field-habitus theory [7] and the fields of observation were analyzed on a system and social integration level [8] according to Lockwood.

Results The elaborated system of categories consists of 4 main categories (methodology, work organisation, communication, care and medical system) and 918 sub-categories. An intercultural opening of the organisation in the form of an intercultural team and measures offered for intercultural opening are accompanied by a higher degree of solidarity.

Conclusion The intercultural opening process in the health care system must be anchored at the system and socialintegration level in order to promote more efficient care processes and solidarity. Since IKÖ involves additional time, financial and personnel resources, a strategic decision, on the one hand, and a consciously controlled opening process from above, on the other hand, is needed on the part of the management. This enables the employees to participate in shaping the traditional organisational culture in a negotiation process.



Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
23. Oktober 2020 (online)

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