Aktuelle Urol 2020; 51(06): 545-546
DOI: 10.1055/a-1220-0608
Editorial

Prostatakarzinom – wohin geht die Reise?

Prostate cancer – where is the journey going?
Axel Merseburger
Klinik für Urologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck
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Das fortgeschrittene Prostatakarzinom und dessen Therapie ist seit Jahren ein wichtiges und viel diskutiertes Thema in der urologischen Onkologie. Der Diskurs ist auch in diesem Jahr unverändert geführt und wird auch in den nächsten Jahren nicht an Intensität abnehmen. Daher freue ich mich, mit dieser Ausgabe der „Aktuellen Urologie“ wesentliche Entwicklungen in der Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms von führenden Experten aus Deutschland besprechen zu können.

Das Rückgrat („Backbone“) der Therapie des metastasierten Prostatakarzinoms ist die antihormonelle Therapie. Seit über 10 Jahren nimmt unser Wissen um das kardiovaskuläre Risiko durch diese Therapie stetig zu. Gerade vor dem Hintergrund der aktuell publizierten HERO-Studie (1) bringt uns der Artikel von Herrn Höfner von der Universitätsklinik Mainz auf den neuesten Stand. Gerade bei kardiovaskulär vorerkrankten Patienten ist der Einsatz eines GnRH-Antagonisten in der Indikation Hormontherapie gegenüber der klassischen LHRH-Agonisten-Therapie eine gute Option.

Die klinischen Implikationen der Testosterontiefe bzw. des Kastrationsniveaus bei Patienten unter Hormontherapie werden kritisch von Herrn Hammerer vom Städtischen Klinikum Braunschweig in seinem Artikel „Ziel: 20 statt 50!“ diskutiert. Aktuelle Evidenz belegt, dass ein Serum-Testosteronspiegel mit Werten von unter 20 ng/dl das Behandlungsziel sein sollte. Zudem postulieren die Autoren, dass die antiandrogene Therapie eine unveränderte Basistherapie bei der Anwendung neuer Medikamente, wie z.B. Abirateron, Enzalutamid oder Apalutamid darstellt.

Aus der Feder meines Co-Herausgebers Herrn Prof. Miller ist der Artikel zur Sequenztherapie beim nicht oder mild symptomatisch metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom, mit der Frage zum sequentiellen Einsatz von Abirateron/Prednison und Enzalutamid. In dieser ersten prospektiven deutschen Studie wurden Abirateron/Prednison und Enzalutamid, sowohl in der Erstlinientherapie des nicht oder mildsymptomatischen mCRPC als auch in der Folgetherapie direkt miteinander verglichen. Die Daten zeigen eine Überlegenheit der Sequenz von Abirateron gefolgt von Enzalutamid im Vergleich zur umgekehrten Reihenfolge. Vor dem Hintergrund der Gesamtansprechraten des zweiten Antiandrogens ist jedoch eine Sequenztherapie, auch nach den aktuellen Leitlinien, nicht mehr zu empfehlen. Nach Versagen des ersten Antiandrogens sollte eine weiterführende zugelassene Therapie, wie zum Beispiel eine Docetaxel-Chemotherapie angewandt werden.

Aus meiner Arbeitsgruppe schließt sich die Publikation der TIME-Studie an: Eine kombinierte retro- und prospektive multizentrische, nicht interventionelle Zwei-Kohortenstudie, um Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit einer frühen gegenüber einer später einsetzenden Abirateron- und Prednison-Therapie bei Patienten mit einem mCRPC in der klinischen Routine zu untersuchen. Wir konnten zeigen, dass entgegen der neuen Definition zur Kastrationsresistenz, häufig eine erweiterte Therapie (ADT+Abiraterone+Prednison) erst nach Einsatz eines Antiandrogens der ersten Generation eingesetzt wurde. Neuere Daten, auch des nicht metastasierten mCRPC (m0CRPC) stellen die Wichtigkeit dieser Studiendaten dar, da sich gezeigt hat, dass eine frühe intensivierte Therapie mittlerweile nicht nur mit dem metastasenfreien Überleben, sondern auch mit dem Gesamtüberleben assoziiert ist. Wie bei allen retrospektiven Studien sind limitierende Faktoren zu berücksichtigen, die vom Autoren-Team erläutert worden sind.

Abschließend bleiben wir in der urologischen Onkologie und erhalten von Herrn Prof. Miller und seinem Autoren-Team die interdisziplinären Empfehlungen zur Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms. Vor dem Hintergrund der tagesaktuellen Entwicklung zur Behandlung des Nierenzellkarzinoms und der erfreulicherweise kürzlich publizierten S3-Leitlinie Nierenzellkarzinom ist dies eine wichtige Übersicht für die tägliche Behandlungsroutine und Therapieplanung unserer betroffenen Patient:innen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe

Ihr/Euer
Axel Merseburger



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Publication Date:
24 November 2020 (online)

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