Gesundheitswesen 2020; 82(11): e124-e137
DOI: 10.1055/a-1205-0672
Originalarbeit

Ethik-Universität zur Regenerativen Medizin – ein Instrument der fundierten Meinungsbildung für Laien?

Ethics University on Regenerative Medicine – As an Instrument for the Development of Valid Public Opinions?
1  Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
5  Forschungszentrum Jülich GmbH Stabsstelle Zukunftscampus, Jülich
,
Lena Werdecker
1  Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
2  Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, Universität Witten/Herdecke, Witten
,
Daniel Strech
1  Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
3  Berliner Institut für Gesundheitsforschung, Charité & Max-Delbrück-Centrum, Berlin
,
Gerald Neitzke
1  Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
,
Marie-Luise Dierks
4  Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
,
Antje Meyer
4  Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
,
Irene Hirschberg
1  Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover
› Author Affiliations
Finanzierung Das Projekt „EUREM – Ethik-Universität zur Regenerativen Medizin“ wurde gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF); Förderkennzeichen: 01GP1471.

Zusammenfassung

Ziel der Studie Dieser Beitrag berichtet über die Ethik-Universität zur Regenerativen Medizin, die für interessierte Erwachsene im Jahr 2016 an der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt wurde. Er geht der Frage nach, wie sich die Ethik-Universität auf Meinungsbildung und Ethikkompetenz der Teilnehmenden ausgewirkt hat.

Methodik Die Ethik-Universität wurde zweimal mit je vier aufeinanderfolgenden Veranstaltungstagen durchgeführt. Das Format kombinierte Expertenvorträge mit interaktiven Lernstationen und Diskursformaten. Meinungsbildung und Entwicklung des Informationsstands der Teilnehmenden wurden mithilfe einer postalischen Prä-/Post-Erhebung im Wartegruppendesign analysiert. In direkten Veränderungsmessungen und anhand der Selbsteinschätzung der Teilnehmenden wurden Unterschiede zwischen den Zeitpunkten vor und nach der Ethik-Universitätsteilnahme verglichen. Ergänzend wurden Daten aus Gruppendiskussionen während der Veranstaltungsreihe inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse Von den 168 Teilnehmenden beider Runden der Ethik-Universität liegen insgesamt 101 vollständige Prä-/Post-Fragebogensätze vor sowie 30 Fragebogenpaare für die Wartekontrollgruppe. Für die Teilnehmenden zeigt sich nach der Ethik-Universität durchweg ein höherer Informationsstand (Veränderung zwischen 0,75 und 1,93 Punkten auf der 5-stufigen Skala). Zwischen 50,5 und 66,0% der Teilnehmenden gaben für verschiedene Einstellungsfragen an, dass sich ihre Bewertung durch die Ethik-Universität entweder positiv oder negativ verändert habe. Im Durchschnitt veränderten sich die Bewertungen signifikant in Richtung stärkerer Zustimmung (Veränderung zwischen 0,44 und 1,0 Punkten auf der 5-stufigen Skala). Für die Wartekontrollgruppe zeigten sich keine Änderungen. Vorträge und Präsentationen, Gespräche und Fragerunde mit Experten, Lern- und Mitmachstationen sowie schriftliche Informationsmaterialien waren aus Sicht der Teilnehmenden die Hauptquellen der Meinungsbildung. Aber auch die Interaktion mit anderen Teilnehmenden in den Gruppendiskussionen und die Reflexion der eigenen Meinung waren für sie bedeutsam.

Schlussfolgerung Die Daten weisen auf eine Entwicklung von Ethikkompetenz sowie auf eine Förderung der Meinungsbildung durch die Ethik-Universität hin. Bei der Weiterentwicklung des Konzepts der Ethik-Universität sollten insbesondere die Rekrutierung einer möglichst diversen Teilnehmergruppe sowie die Stärkung interaktiver Elemente im Vordergrund stehen.

Abstract

Objectives In 2016, we invited interested citizens to participate in the “ethics university on regenerative medicine” at Hannover Medical School. The present study analyses if and how this discursive and informative event inspired participants to form their own opinion on the issues at hand and to develop their general ethics literacy.

Methods The “ethics university” was performed twice in 2016; each run consisted of four single consecutive events. Lectures were combined with interactive learning stations, and group discussions. Opinions and information level of all participants were surveyed by means of a postal questionnaire before and after the course to detect any changes of opinions and information levels; additionally, we surveyed participants’ self-assessment. Participants of the second run were asked to form a waiting list control group to compare results from first run-participants. Furthermore, we conducted a content analysis of group discussions during the ethics university.

Results Of 168 participants of both runs, 101 took part in the pre/post-survey. In addition, 30 questionnaires of the waiting list control group were analysed. Participants showed a higher level of information after the ethics university (changes between 0.75 and 1.93 points on a five-point scale). Between 50.5 and 66.0% of participants indicated that their opinion on different issues had become either more affirmative or more disapprobative as a result of attending the ethics university. On average, opinions were more positive after participation (between 0.44 and 1.0 points on a 5-point scale). Respondents in the waiting list control group showed no changes in opinion or information level. Participants themselves felt that they formed their opinions mainly on the basis of information they received in lectures, conversations with experts, interactive learning sessions, and written information. However, for many participants, interacting with other participants in the group discussions, as well as reflecting their own views was an important to forming informed opinions.

Conclusion Results of the evaluation show that participants were inspired to form their own opinions by the ethics university and to develop their ethics literacy (e. g. ability to reflect on normative questions). For future ethics universities, the group of participants should be as diverse as possible. In addition, interactive and discursive elements should be given a higher priority.

Zusatzmaterial



Publication History

Publication Date:
07 September 2020 (online)

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