Gesundheitswesen
DOI: 10.1055/a-1173-9588
Übersichtsarbeit

Zusammenfassende Darstellung der wissenschaftlichen Grundlagen der Richtlinie der Bundesärztekammer zur Durchführung der substitutionsgestützten Behandlung Opioidabhängiger

Scientific Rationale for the Directive on Opioid Substitution Treatment of the German Medical Association: A Summary
Wilfried Kunstmann
1  Dezernat 1 – Versorgung und Bevölkerungsmedizin, Bundesärztekammer, Berlin
,
Michael Specka
2  Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, LVR-Klinikum Essen, Essen
,
Norbert Wodarz
3  Zentrum für Suchtmedizin, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, Regensburg
,
Norbert Scherbaum
2  Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, LVR-Klinikum Essen, Essen
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Zusammenfassung

Hintergrund Mit § 5 Abs. 12 BtMVV wurde die Bundesärztekammer beauftragt, in einer Richtlinie den allgemein anerkannten Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft zur Substitutionsbehandlung Opioidabhängiger festzustellen.

Methode Für die initiale Fassung der Richtlinie der Bundesärztekammer (BÄK) von 2002 war eine umfangreiche wissenschaftliche Literaturrecherche durchgeführt und deren Ergebnisse nach Evidenzklassen kategorisiert worden. Für die nachfolgenden Überarbeitungen 2010 und 2017 wurden neuere systematische Übersichtsarbeiten und Studien der Evidenzklassen I–III ergänzt und mit internationalen Leitlinien zur Substitutionsbehandlung abgeglichen.

Ergebnisse Mit einer Substitutionsbehandlung können verschiedene gesundheitliche, suchtbezogene sowie psychische und soziale Ziele verfolgt werden. Die Mortalitätsrate wird durch die Behandlung reduziert, und bei 70 bis 80 % der Behandelten lässt sich durch die Substitution der meist hochriskante Konsum illegal erworbener Opioide weitgehend eindämmen. Durch eine psychosoziale Begleitung kann der Behandlungserfolg verbessert werden, weshalb sie regelhaft empfohlen werden soll. Für die Frage, wann bei welchen Patienten für welchen Zeitraum eine Take-home-Verordnung gerechtfertigt ist, fehlt es an wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Schlussfolgerungen Die Richtlinie der Bundesärztekammer wurde mit ihrer Novellierung 2017 auf der Grundlage des aktuellen Standes der Wissenschaft zur Substitutionsbehandlung überarbeitet. Damit wird für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte mehr Rechtssicherheit geschaffen, und die Behandlung kann an dem bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnisstand ausgerichtet werden. Es muss nun evaluiert werden, ob dies auch positive Auswirkungen auf die Versorgungssituation Opioidabhängiger hat und mehr Ärztinnen und Ärzte sich an der Versorgung beteiligen.

Abstract

Background According to the Narcotic Drugs Prescription Ordinance (BtMVV), the German Medical Association was commissioned to issue a directive on opioid substitution treatment (OST) based on the current state of scientific medical knowledge.

Method For the publication of the initial version of the German Medical Association‘s directive in 2002, an extensive literature research had been conducted, categorizing the results by levels of evidence. Subsequent revisions in 2010 and 2017 included recent systematic reviews, studies of evidence levels I–III and international guidelines.

Results OST showed its potential in the pursuit of health- and addiction-related as well as psychological and social goals. There was a decline in the rate of mortality, and high risk consumption of illegally acquired opioids was eliminated in 70 to 80% of patients in OST. Psycho-social assistance was found to enhance treatment outcome. Scientific evidence was lacking for the identification of patient groups suitable for different duration of take-home prescription.

Conclusions With its 2017 amendment, the guideline of the German Medical Association was revised on the basis of the current state of science on substitution treatment. This creates more legal certainty for doctors, and treatment can be delivered in accordance with the existing scientific knowledge. Whether the effects of OST observed in this study have an impact on the care of opioid addicts by attracting more doctors to participate in their treatment needs further evaluation.



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Publication Date:
01 July 2020 (online)

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