Z Sex Forsch 2020; 33(01): 39-40
DOI: 10.1055/a-1099-5159
Bericht

#metoo: Sexualität im Fokus einer gesellschaftlichen Debatte

Tagungsbericht zur 26. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung
Laura Pietras
Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
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Vom 26. bis 28. September fand am Hamburger Universitätsklinikum die 26. Wissenschaftliche Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung mit dem Titel „Sexualität – Macht – Moral“ statt. Inspiriert durch eine sich völlig verändernde Sexualethik im Zuge der #metoo-Bewegung wurden in acht Vorträgen das Spannungsverhältnis zwischen Macht, Machtmissbrauch und Moral und ihre Auswirkungen auf die Sexualität im Sinne der Sexualität des Einzelnen und der Sexualität als mediales, gesellschaftliches (moralisches) Thema beleuchtet.

Am Freitagabend macht Monika Frommel den Auftakt mit ihrem Vortrag “Nein heißt Nein” zu den Konsequenzen der jüngsten Änderungen des Vergewaltigungsparagrafen. Als Nachwirkung der Kölner Silvesternacht 2016 wurde das Sexualstrafrecht reformiert. Die Strafrechtlerin stellt in ihrem rechtstheoretischen Vortrag heraus, dass bei Ausnutzung und Kenntnis der bestehenden Gesetze eine Reform nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Als positive Erscheinung der Reform benennt sie eine offenbare Sensibilisierung dafür, was sexuelle Gewalt umfasst, sowie einen Rückgang der Vergewaltigungsanklagen. Die Reform jedoch auf das Strafrecht zu begrenzen, erscheint ihr nicht ausreichend reflektiert und „kampagnenhaft“. Während im Arbeits- und Verwaltungsrecht Zweckmäßigkeitsentscheidungen getroffen werden, gelte im Strafrecht immer noch die Unschuldsvermutung. Dies könne für die Strafverfolgungsbehörden und für Betroffene zu einer echten Hürde werden. Die Referentin schließt mit der Empfehlung, das gesamte Rechtssystem mit seinem Netz an Gesetzen besser auszustatten und sich nicht nur auf das Strafrecht zu begrenzen. Diese Prise Rechtspraxis landet nicht ganz ohne Knirschen im Getriebe des hauptsächlich sozialwissenschaftlichen Publikums, was für den restlichen Abend eine rege Diskussion entfacht.

Den Samstagmorgen eröffnet Dagmar Herzog mit dem Thema „Feminismus und Sexualpolitik, die #metoo-Bewegung und ihre Kritikerinnen“. In den USA habe sich seit der Twitterbewegung #metoo und der damit losgetretenen Solidarisierung mit und von Betroffenen sexuellen Missbrauchs in den letzten Jahren vieles verändert. Neue Gesetze zur besseren strafrechtlichen Verfolgung von Fällen sexuellen Missbrauchs seien etabliert worden und die Debatte zeige eine Katalysatorwirkung für die Weiterbearbeitung und den Abschluss bereits angeklagter Fälle. Gleichzeitig gebe es auch Kritik an #metoo. Aus der Richtung der sogenannten „Pro-Sex“-KritikerInnen werde insbesondere die Enterotisierung angeprangert: Jegliche Sexpanik sei sexphobisch und würde immer sexuelle Minderheiten treffen. Auf politischer Ebene föchten die RepublikanerInnen und DemokratInnen einen ungleichen Kampf um die Vorherrschaft in dieser Debatte. #metoo werde von den antifeministischen RepublikanerInnen, mittels ständiger Lügerei, false flags, Parallelismus und whataboutism instrumentalisiert, um sich weitgehend unbeschadet aus Affären wie Donald Trumps Ausspruch „grab her by the pussy“ zu ziehen und stattdessen regierungskritische Gegner, wie den jüdischen Senator Al Franken oder den afroamerikanische Kongressabgeordnete John Conyers, zu entmachten. Es hänge ein Paradox über der #metoo-Bewegung – oder wie Susan Faludi es zusammenfasse: „Die Patriarchen stürzen vom Sockel, aber das Patriarchat ist stärker denn je“.

Nach diesen beiden politisch-gesellschaftlichen Vorträgen widmet sich Ilka Quindeau dem psychoanalytischen Diskurs zum Thema “Von der konstitutionellen Bisexualität zum männlichen Vaginalen”. Schon Freud habe das Geschlecht nicht rein binär und dichotom konzipiert, sondern Männlichkeit und Weiblichkeit auf einem Kontinuum angesiedelt. Während der Phallus in der psychoanalytischen Theorie bereits symbolisch repräsentiert sei und es dem Weiblichen möglich sei, sich in Bezug auf den Phallus zu definieren, trete diesem nun das Modell des männlichen Vaginalen als symbolisches Pendant zur Seite. Beim männlichen Vaginalen stünden die köperbezogenen Fantasien im Mittelpunkt, er diene als ein Zugang zum Inneren, zur Rezeptivität und passiven Lust. Für die lebenslange Aufgabe, eine (reife) Geschlechtsidentität auszubilden, sei eine Integration des Weiblichen in die Männlichkeit grundlegend, so die These der Referentin.

Danach folgt ein Beitrag zur „Vorstellung von männlicher Sexualität und ihren Problemen“. Peer Briken beschreibt den Weg zu den neuen ICD-11-Kriterien am Beispiel der paraphilen Störungen und sexuell zwanghaften Verhaltensstörung sowie die Rolle der männlichen Sexualität in diesem Problembereich. In den neuen Leitlinien gehe es nicht mehr vorranging um die qualitative oder quantitative Abweichung von der Norm, sondern um fehlenden Konsens und fehlende sexuelle Selbstkontrolle – und zwar vor allem in Hinblick auf Männer. Paraphile und sexuell zwanghafte Störungen blieben in erster Linie Störungen von Männern (Tätern), die ihre Sexualität (wiederholt) ohne Konsens ausführen. Eine Ausdifferenzierung eines nicht-männlichen Anteils dieser Störungen sei wissenschaftlich bisher noch nicht gelungen.

Weiterhin klinisch bleibt es bei Melanie Büttners Vortrag zu dem Thema „Trauma und Sexualität“. PatientInnen mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung als Folge erfahrener sexueller Gewalt, insbesondere Menschen mit Kindheitstraumatisierungen, litten häufig an sexuelle Störungen – mit zum Teil erheblicher Einschränkung der Lebensqualität und beachtlichen gesundheitlichen Risiken. Als Therapeutin oder Therapeut bestehe die Aufgabe darin, den PatientInnen zu vermitteln, dass die Gefahr vorbei sei, und ein anderes (sicheres) Körpergefühl erfahrbar zu machen.

An diesen sehr berührenden Vortrag schließt sich ein außergewöhnlicher Beitrag von Adelheid Herrmann-Pfandt an zum Thema „Im Namen höherer Macht. Rituelle Gewalt im Fokus religionswissenschaftlicher Forschung“. Auf eindringliche Weise schildert die Religionswissenschaftlerin, dass es keine Grenzen gebe, wenn es darum gehe, welche Gewalt Menschen bereit seien, anderen Menschen anzutun. Der religiöse und rituelle Kontext verstärke das Trauma der Opfer, die häufig noch Kinder seien. Satanistische TäterInnengruppen, meistens Familien, folgten Ideen von schwarzer Magie, wie z. B. dem Glauben an Sexualmagie oder an Energie, die durch das Töten von Lebewesen freigesetzt werde und so von Magiern genutzt werden könne. Sie beschreibt, dass jungfräuliche männliche Kinder das wertvollste Opfer darstellten und dass sich an eine Opferung auch das Verzehren, beispielsweise eines symbolischen Stücks des Herzens, anschließen könne. Die Erklärung und religionswissenschaftliche Einordnung dieser religiösen Rituale eröffnet Abgründe, in die auch TherapeutInnen und WissenschaftlerInnen nur selten blicken müssen und die eine spürbare Betroffenheit bei den Zuhörenden hinterlässt. Inwieweit diese Schilderungen den Berichten Betroffener entsprechen oder Teil der satanistischen Literatur sind, wird im Anschluss rege diskutiert. Im gleichen thematischen Kontext steht der an Johanna Schröder vergebene Posterpreis zum Thema „Sexueller Kindesmissbrauch in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen“. Durch die inhaltsanalytische Auswertung von vertraulichen Anhörungen, die durch die Aufarbeitungskommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geführt wurden, beschreibt die Autorin, wie die wechselseitig miteinander interagierenden Personengruppen, TäterInnen, betroffene Personen und andere Personen des direkten Umfelds oder der Justiz, die Aufdeckung ritueller Gewaltstrukturen erschweren.

Den Sonntagvormittag eröffnet Richard Lemke mit dem Thema „Sexuelle Moraldiskurse im Internet“. Er stellt eindrücklich anhand vieler aktueller (politischer) Beispiele dar, welchen starken Einfluss singuläre Meinungsäußerungen im Internet auf das wahrgenommene Meinungsklima in einer Gesellschaft haben können. Es bestehe eine größere Bereitschaft, im Internet stark auseinanderdriftende, kontroverse Meinungen zu vertreten, was wiederum zu einer Enthemmung zweiter Ordnung geführt habe: Es entstehe nämlich der Eindruck, im Internet das tatsächliche Meinungsklima in Deutschland zu erleben. Das wahrgenommene Meinungsklima wiederum habe einen großen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit Betroffener. Der Referent empfiehlt daher, die Öffentlichkeit für diesen Effekt zu sensibilisieren und auf praktischer Ebene mit gemäßigten Meinungen in den Kommentaren eine „Gegenöffentlichkeit“ zu bilden.

Den Abschlussvortrag hält Martin Dannecker zu dem Thema „Begehren und Konsens“, worin das Bewusstsein des Täters für sein übergriffiges Handeln im Zentrum steht. Das Begehren einer Person ziele auf das Begehren des Anderen ab. Die Sexualisierung einer Beziehung berge ein Risiko, da sich nur unter seltenen Umständen das Begehren zweier Personen füreinander gleichzeitig und im gleichen Maß aufbaue. Während die betroffenen Akteure die sexuelle Aufgeladenheit von Gesten und Handlungen und den Grad des gegenseitigen Begehrens einschätzen könnten, sei Dritten dieser Einblick verwehrt. Woraus sich ableiten lässt, dass ein gewaltsamer Zugriff auf das Begehren des Anderen – und damit eine Transgression des Körperraums dieser Person ohne Konsens – eine dem Handelnden schon zum Zeitpunkt des Vollzugs bewusste Tat sei. Mit dieser abschließenden Feststellung zu einem kontroversen Thema schließt die Tagung inhaltlich.

Spannend und lehrreich bestach die Tagung durch die mutige Organisation mit einer wirklich interdisziplinären Auswahl an RednerInnen. Für die Zuhörenden bot sich der so wichtige Blick über den symbolischen Tellerrand und damit den Alltag der eigenen wissenschaftlichen Arbeit. In besonderem Maße wurde ein Bewusstsein dafür geschaffen, welche Macht und welchen Einfluss die (Sozialen) Medien auf gesellschaftliche Debatten, den moralischen Diskurs und politische Entscheidungen der Gegenwart haben.



Publication History

Publication Date:
12 March 2020 (online)

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Stuttgart · New York