Z Sex Forsch 2020; 33(01): 17-28
DOI: 10.1055/a-1099-4404
Originalarbeit

Die Bedeutung kognitiver Verzerrungen für die Diagnose einer pädosexuellen Präferenzstörung bei inhaftierten Tätern mit Sexualdelikten in Österreich

The Relevance of Cognitive Distortions for Diagnosing a Pedophilic Disorder in a Sample of Incarcerated Sex Offenders in Austria
Sabrina Eberhaut
1  Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter (BEST), Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz (BMVRDJ)
,
Peer Briken
2  Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
,
Reinhard Eher
1  Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter (BEST), Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz (BMVRDJ)
› Author Affiliations

Zusammenfassung

Einleitung Unter kindesmissbrauchsspezifischen kognitiv verzerrten Sichtweisen versteht man pathologische Wahrnehmungsverzerrungen, die es einem Täter ermöglichen, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu bahnen und nach den Tathandlungen zu rechtfertigen. Zu diesen Verzerrungen zählen unter anderem die Annahmen, dass Kinder Sex mit Erwachsenen wünschen oder dass sexuelle Handlungen von Erwachsenen an Kindern diesen keinen Schaden zufügen.

Forschungsziele Zusammenhänge zwischen solchen Verzerrungen und dem Störungsbild einer Pädophilie wurden untersucht. Insbesondere verfolgten wir dabei die Hypothese, dass kognitive Verzerrungen Ausdruck eines klinischen Störungsbildes sind und nicht lediglich mit dem Umstand einhergehen, ein Kind sexuell zu missbrauchen.

Methoden Dafür wurde ein Fragebogen entwickelt, der N = 632 Tätern (davon N = 462 an Kindern) vorgelegt wurde, die in Österreich ein Sexualdelikt begangen hatten und deshalb eine Haftstrafe verbüßten. Die Täter wurden jeweils einer von insgesamt vier Gruppen zugeordnet (Sexualstraftäter mit erwachsenen Opfern, Kindesmissbrauchstäter ohne Diagnose einer Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit nicht-ausschließlicher Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit ausschließlicher Pädophilie). Die Ergebnisse wurden einer Faktorenanalyse unterzogen, die einzelnen Faktoren und der Gesamtwert auf Unterschiede zwischen den Tätergruppen überprüft.

Ergebnisse Die vorliegenden Daten legen den Schluss nahe, dass nicht der Umstand allein, ein Kind sexuell zu missbrauchen, mit solchen Verzerrungen einhergeht, sondern vielmehr die Diagnose einer pädophilen Störung. Insbesondere Personen mit der Diagnose einer ausschließlichen pädophilen Störung gaben derartige Kindesmissbrauchsmythen an. Vor allem Glaubenssätze, die aus psychodynamischer Sicht als Spaltung, Projektion und projektive Identifizierung der eigenen Devianz auf Kinder verstanden werden können, waren bei gegebener Diagnose einer exklusiven pädophilen Störung am stärksten ausgeprägt.

Schlussfolgerung Wahrnehmungsverzerrungen können als Abwehrmechanismen einer pädophilen Störung verstanden werden, die auch zur Untermauerung der Diagnose dienen können.

Abstract

Introduction Cognitive distortions associated with child molesters are pathological but functional, allowing an offender to commit an offense and justify it afterwards. Examples for such distortions are, among others, the assumption that children want to have sex with adults as well as the attitude that sexual molestation of a child is not harmful.

Objectives We investigated the relationship between cognitive distortions and the clinical diagnosis of a pedophilic disorder. Our hypothesis was that a pedophilic disorder rather than a sexual offense against a child is associated with cognitive distortions.

Methods A questionnaire concerning child-offense-related cognitive distortions was developed and completed by N = 632 sex offenders (N = 462 child molesters) serving a prison term in Austria because of a sexual offense. Each offender was assigned to one of four groups (= sex offenders with adult victims, child molesters without a diagnosis of pedophilia, child molesters with non-exclusive pedophilia, child molesters with exclusive pedophilia). The data underwent a factorial analysis, and factors and the total scores were examined with regard to group differences.

Results The present study provides evidence that there is a relationship between holding on to these so-called child molester myths and the degree of pedophilia, with offenders diagnosed with exclusive pedophilia exhibiting the most cognitive distortions. Attitudes that can be understood in psychodynamic terms as a projection of one’s own sexual deviance onto the child are most strongly related to exclusive pedophilia.

Conclusion Cognitive distortions, therefore, can be understood as the defense mechanisms of a pedophilic disposition and may also be of diagnostic value.



Publication History

Publication Date:
12 March 2020 (online)

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