neuroreha 2020; 12(01): 44-46
DOI: 10.1055/a-1089-8739
Patientenperspektive

Forschung in der Ergotherapie

Ein Interview mit Irene Ebhardt
Jan Mehrholz

Die Fragen stellte Jan Mehrholz.

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Irene Ebhardt, MSc Donau-Universität Krems, Österreich

Was bedeutet für Sie gute Forschung speziell bezogen auf Forschung in der Ergotherapie? Worauf sollten sich Ergotherapeuten in der Forschung in der neurologischen Rehabilitation besonders konzentrieren?

Es sind im Wesentlichen drei große Bereiche, die die Ergotherapie in der neurologischen Rehabilitation fokussiert: Zum einen sind es die Alltagsfertigkeiten, dann ist dies die Bewegungsfähigkeit der oberen Extremität und schließlich gibt es da noch den großen Komplex der kognitiven Fähigkeiten, dem wir uns widmen. „Gute Forschung“ bedeutet in meinen Augen, dass in den genannten Bereichen randomisierte kontrollierte Trials durchgeführt werden. Aber hier gibt es meines Erachtens nach wie vor einen gewissen Aufholbedarf. Eine deutlichere und entschiedenere Hinwendung zu experimenteller Forschung in der Ergotherapie, die sich durch klare und kluge Studiendesigns mit einer präzisen Forschungsfrage auszeichnet, wäre meiner Meinung nach vordringlich. Ebenso braucht es detailliert beschriebene und nachvollziehbare Interventionsprotokolle, die ein Replizieren von bereits durchgeführten Untersuchungen möglich machen. Denn in Zeiten knapper Ressourcen können wir es uns auch in der Ergotherapie nicht mehr leisten, Behandlungskonzepte bloß aus Tradition oder aus Gepflogenheiten anzuwenden und durchzuführen. Auch unsere Disziplin ist aufgefordert, nur solche Behandlungen anzuwenden, die für die jeweiligen Beschwerden mit größtmöglicher Gewissheit als die am besten wirksamen betrachtet werden können.Vielfach ist im Bereich der Ergotherapie nicht ganz klar, welche ergotherapiespezifischen Therapieinterventionen und welche Behandlungskonzepte auf welche Weise und in welchen Fällen unter welchen Bedingungen und in welchem Kontext funktionieren und auch tatsächlich wirken. Um hier mehr Klarheit zu schaffen, werden meines Erachtens vermehrt gut vergleichbare randomisierte kontrollierte Studien zur Wirksamkeit von Ergotherapieinterventionen benötigt, die so „gut“ – sprich methodisch korrekt und einwandfrei – gemacht sind, dass sie verlässliche und haltbare Antworten die Wirksamkeit und Sicherheit betreffend liefern.

Was waren für Sie die wichtigsten Meilensteine der neurologischen Rehabilitationsforschung der letzten fünf Jahre?

Ja, da gibt es eine ganze Menge, da tut sich überaus viel, denn das Trainieren von sensomotorischen und kognitiven Funktionen ist ein ebenso zentraler Bestandteil wie auch ein weites Forschungsfeld der Neurorehabilitation. Zunächst einmal denke ich an die vielen innovativen Technologien, die Einzug gehalten haben in die neurologische Rehabilitation. Sie sind imstande, Funktionsverbesserungen, etwa nach Schlaganfall, zu bewirken.Erfreulicherweise geht der Einsatz dieser neuen, assistiven Technologien auch mit reger Forschungstätigkeit einher. So etwa weiß man auf der Basis evidenzbasierter Daten, dass die gerätegestützte Therapie der oberen Extremität, durchgeführt in hochmodernen Armlabors, sehr gut wirkt. Man weiß ebenso, dass einige Gehbehinderungen nach Schlaganfall durch Lokomotionstherapien vermindert werden können. Botulinumtoxin reduziert nicht nur die fokale Spastik, sondern auch Schmerzen nach Schlaganfall. Funktionelle Elektrostimulation korrigiert z. B. die Schwäche einer Vorfußhebung nach Schlaganfall und reduziert dadurch Stolper- und Sturzgefahren sehr wesentlich. Einwandfrei nachgewiesen wirksam ist etwa auch das roboterassistierte Üben, das die Funktionsfähigkeit der oberen Extremität sehr zuverlässig verbessert. In der Gruppe der multisensorischen Therapieinterventionen stellt sich die Spiegeltherapie als die bisher am besten untersuchte Anwendung dar, wodurch wir wissen, was genau die Spiegeltherapie bewirken kann (nämlich Motorik und Oberflächensensibilität verbessern), aber genauso, was sie z. B. nicht kann (nämlich Spastik reduzieren).Aber Technik allein macht eine erfolgreiche Neurorehabilitation noch nicht aus – die aktive Mitarbeit des einzelnen Patienten ist gefordert. Selbstmanagementfähigkeiten ebenso wie kognitive Fähigkeiten sind unbedingte Voraussetzungen für einen Therapieerfolg. Ein weiteres Feld der Forschung im Bereich der Neurorehabilitation sind daher besonders auch kognitive Störungen. So sind etwa Störungen der exekutiven Funktionen, der Handlungsplanung, des Problemlösens oder des Gedächtnisses Folgewirkungen eines Schlaganfalls, die häufig erst mit der Zeit offenkundig werden. Solche Störungen lassen sich jüngsten Studienprojekten zufolge durch Programme mit Optimierung von Gefäßrisikofaktoren, regelmäßiger körperlicher Aktivität, Lebensstiländerungen, gesunder und bewusster Ernährung sowie kognitiven Übungen entscheidend verbessern.Man muss hier noch einen Schritt weiterdenken und -gehen: Kognitive Störungen führen sehr häufig auch zu einer Einschränkung der sozialen Kompetenz, wodurch beispielsweise Fähigkeiten zur Kommunikation und Interaktion nicht mehr effektiv, einsichtsvoll und regelkonform ein- und umgesetzt werden können. So etwa bewirken Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen eine beträchtliche Minderung der Unabhängigkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens sowie in den Alltagsroutinen und verändern den Lebensalltag von Betroffenen enorm. Kognitive Störungen, ihre Folgen, aber genauso Behandlungsansätze zum Erhalt der kognitiven Fähigkeiten rücken daher immer mehr in den Fokus neurorehabilitativer Maßnahmen und finden auch in Studien immer mehr Beachtung.

Welche methodischen Standards favorisieren Sie für die Forschung in der Ergotherapie?

Schon vor etwa zehn Jahren hieß es im British Journal of Occupational Therapy: „The need of outcome-focused measures is pressing“ (Sainty et al. 2009). Dennoch haben wir nach wie vor das Dilemma, dass die Wirksamkeit von zahlreichen ergotherapeutischen Maßnahmen vielfach nicht genügend exakt eingeschätzt werden kann, weil Spezifizierungen der angewendeten Ergotherapieinterventionen mangelhaft sind bzw. überhaupt fehlen und damit Fragen zu Therapieinhalten, -dauer, -umfang, -intensität und zum Setting vielfach offen sind.So etwa gilt es als gesichert, dass Ergotherapie die Selbstständigkeit im Alltag unterstützt, aber die genaue Art und Dauer der Interventionen sind immer noch wenig fassbar. Es gibt auch eine gewisse Evidenz, dass das ergotherapeutische ADL-Training wirksam ist, aber welche Interventionen genau diese positive Wirkung ausmachen, lässt sich nicht eindeutig sagen. Damit also all jenen Interventionen, die in der Ergotherapie angewendet werden, mehr attestiert werden kann als lediglich eine tendenziell und potenziell positive Wirkung, braucht es jene zuvor schon angesprochene „Datenproduktion“ durch klinisch-experimentelle Forschungsarbeiten, die eine Zusammenführung ebendieser Daten in systematischen Übersichtsarbeiten bzw. Metaanalysen mit definitiven und aussagekräftigen Ergebnissen zur Wirksamkeit von spezifischen Ergotherapieinterventionen erlaubt und sicherstellt. Daher ein klares Votum für solche Forschungsmethoden, die z. B. das komplexe Konstrukt der Alltagsaktivitäten adäquat evaluieren können.Damit verbunden sollten in ergotherapeutischen Forschungsprojekten Messinstrumente und Messzeitpunkte klarer definiert werden. Darüber hinaus sollten angewendete Interventionen präzisiert und standardisiert werden, was einem klientenzentrierten, individualisierten Zugang keineswegs widersprechen muss. Standardisierte Interventionsprotokolle müssen und können auch die individuellen Fähigkeiten und Interessen berücksichtigen und sind daher aus meiner Sicht sowohl im Praxisalltag wie besonders auch in klinischen Studien essenziell.

Inwieweit gibt es Schnittmengen mit anderen Berufsgruppen zu wissenschaftlichen Arbeiten?

Die Schnittmenge mit anderen Berufsgruppen im wissenschaftlichen Arbeiten insbesondere im Bereich der Neurorehabilitation ist eine sehr wichtige Frage. Im interdisziplinären Setting der Neurorehabilitation sollten, was wissenschaftliches Arbeiten anbelangt, die einzelnen Professionen in gleicher Weise eingebunden sein. Die Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten ist aus meiner Sicht primär eine Frage der Ausbildung in wissenschaftlicher Methodik und weniger eine der Profession. Ausgestattet mit dem erforderlichen und soliden Methodenwissen soll in Forschungsprojekte involviert werden, wer dieses Wissen beispielsweise in einem Masterprogramm erworben hat, gleichgültig ob man aus der Disziplin Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie etc. kommt. Von einem unterschiedlichen Zugang „by professional background“ kann ein interdisziplinäres Forschungsprojekt jedenfalls nur profitieren. Schnittmengen sehe ich außerdem in dem Umstand, dass ein und dieselbe Intervention womöglich von verschiedenen Professionen angewendet wird und daher auch von verschiedenen Berufsgruppen wissenschaftlich untersucht werden kann und soll. Wichtig dabei erscheint mir allem voran eine Harmonisierung der schließlich angewendeten Forschungsmethodik.

Wie sollte Ihrer Meinung nach Forschung in der Ergotherapie curricular in der akademischen Ausbildung abgebildet sein? (empirische Ansätze versus theoretische Ansätze)

Ich meine, es sollte bereits in der beruflichen Grundausbildung sowohl den Grundlagen wissenschaftlicher Methodik als auch wissenschaftlich gut abgesicherten interventionellen Methoden mehr Raum gegeben werden, als dies bisher der Fall ist. Die Vielzahl an theoretischen Ansätzen und Herangehensweisen in der Ergotherapie sollte, so finde ich, kritisch hinterfragt werden. All die vielen Konzepte, Modelle und Theorien der Ergotherapie sollten viel mehr und allem voran in einem Wissenschaftskontext beurteilt werden.Um ehrlich zu sein, bin ich persönlich keine allzu große Verfechterin der ergotherapeutischen Performance-Modelle, die ja nicht mehr leisten, als eine Vorstellung über mögliche Zusammenhänge zu skizzieren. Noch dazu verlaufen bzw. verliefen die Entwicklungen von zahlreichen Ergotherapiemodellen eher intransparent und kumulativ und lassen eine echte empirische Grundlage vermissen. Natürlich sollten Studierende über die wichtigsten Ergotherapiemodelle, wie etwa PEO, PEOP, MOHO, Bieler Modell, CMPOP-E, COPM, OPMA, Bescheid wissen, aber immer auch ihren Stellenwert kritisch hinterfragen.Wie schon gesagt: Ich plädiere dafür, dass Ergotherapiestudierende bereits zu einem frühen Zeitpunkt in der Ausbildung klar vermittelt bekommen:Welche Forschungsmethoden gibt es?Was ist eine klar angegebene Forschungsfrage?Welche Forschungsfrage erfordert welches spezifische Studiendesign?In solchen wissenschaftlichen Kategorien zu denken, sollte für jede Gesundheitsprofession, die Forschung betreibt bzw. betreiben möchte, selbstverständlich sein. An unseren Studierenden hier am Department sehe ich auch, wie ungemein schwierig es mitunter ist, dass beispielsweise eine präzise formulierte Forschungsfrage gelingt, die auf die inhaltliche Thematik genau abgestimmt ist. Aber auch mit wissenschaftlicher Terminologie ganz allgemein (und nicht nur mit der Fachsprache der eigenen Profession) kann man sich nicht früh genug auseinandersetzen, wenn es Richtung Forschung gehen soll.

Was wünschen Sie sich zukünftig für die Ergotherapieforschung in der Zeitschrift neuroreha?

Was ich mir wünsche? – Ich freue mich darauf, beispielsweise von Trials zu lesen, die Ergos nach allen Regeln der Kunst mit einer spannenden Forschungsfrage und mit einem klugen Forschungsdesign durchgeführt haben und darüber berichten. Es muss meiner Meinung nach dabei gar nicht so sehr um ausschließlich von Ergotherapeuten durchgeführte Trainings in der Neurorehabilitation gehen, sondern sehr gerne lese ich über Interventionen, die auch in der Ergotherapie Anwendung finden – „by professional background“ eben.

Welchen konkreten und für Sie spannenden Forschungsfragen würden Sie, wenn entsprechend der benötigten Ressourcen genügend ausgestattet, in den nächsten fünf Jahren nachgehen wollen?

Durch unseren neu etablierten Universitätslehrgang „Neurokognition und soziale Kompetenz MSc“ an unserem Department denke ich natürlich in Richtung dieser hochaktuellen inhaltlichen Thematik. Neurokognitive Beeinträchtigungen als Folge von neurologischen Erkrankungen führen zu sehr unterschiedlichen Deviationen der sozialen Kompetenz. Dies hat zur Folge, dass sich beispielsweise das Gefüge einer gesamten Familie verändert. In einer ergotherapeutischen Herangehensweise richtet sich in einem solchen Fall der erste Blick auf potenziell mögliche Aktivitäten: Welche Betätigungen sind unter den gegebenen Umständen machbar, wo liegen die individuellen Vorlieben, welche Alltagsaufgaben können übernommen werden, wie hoch ist der Grad an Mobilität, an Orientierung und an Ausdrucksfähigkeit? – Wir wissen, wenn kognitiv beeinträchtigte Personen stärker in den Lebensalltag aktiv einbezogen werden, dann bleiben zeitliche und räumliche Orientierung eher erhalten. Für mich wäre es daher eine spannende Frage, ob ein konsequentes und aktives Eingebundensein in den individuellen Lebensalltag mehr bewirkt als beispielsweise allein Sudokus oder Puzzles zu lösen.Jedenfalls sind spezifische therapeutische Interventionen gefragt ebenso wie spezielle verhaltensmodifizierende Strategien. Insbesondere in der Ergotherapie werden psychosoziale Interventionsmöglichkeiten genutzt, um psychosoziale Folgen, beispielsweise eines Schlaganfalls, zu reduzieren. Allem voran muss dabei ein kompetenzzentriertes, interaktionelles Arbeiten Anwendung finden. Die Vielfalt an erworbenen neurokognitiven Störungen führt natürlich zu sehr unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten. Wir sind daher gefordert, zielführende diagnostische und interventionelle Verfahren zur Behandlung neurokognitiver Störungen zu entwickeln, anzuwenden und besonders auch zu evaluieren, um die durch die vielfältigen neurokognitiven Dysfunktionen beeinträchtigte soziale Kompetenz nachhaltig zu modifizieren. Ich denke, in diese Richtung könnte es mit Forschungsideen gehen.



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Publication Date:
17 March 2020 (online)

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