Fortschr Neurol Psychiatr 2020; 88(04): 232-240
DOI: 10.1055/a-1082-6501
Originalarbeit

Prävalenz und Charakteristika apraktischer Defizite bei links- und rechtshemisphärischen Schlaganfällen

Prevalence and characteristics of apraxic deficits after left and right hemisphere stroke
S. Latarnik*
1  Klinik und Poliklinik für Neurologie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
2  Kognitive Neurowissenschaften, Institut für Neurowissenschaft und Medizin (INM-3), Forschungszentrum Jülich
,
K. Wirth*
1  Klinik und Poliklinik für Neurologie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
,
A. Held
1  Klinik und Poliklinik für Neurologie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
,
E. Kalbe
3  Medizinische Psychologie | Neuropsychologie & Gender Studies, Center für Neuropsychologische Diagnostik und Intervention (CeNDI), Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
,
J. Kessler
1  Klinik und Poliklinik für Neurologie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
,
J. Saliger
4  Neurologisches Rehabilitationszentrum Gödeshöhe,, Bonn
,
H. Karbe
4  Neurologisches Rehabilitationszentrum Gödeshöhe,, Bonn
,
G. R. Fink
1  Klinik und Poliklinik für Neurologie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
2  Kognitive Neurowissenschaften, Institut für Neurowissenschaft und Medizin (INM-3), Forschungszentrum Jülich
,
P. H. Weiss
1  Klinik und Poliklinik für Neurologie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln
2  Kognitive Neurowissenschaften, Institut für Neurowissenschaft und Medizin (INM-3), Forschungszentrum Jülich
› Institutsangaben

Zusammenfassung

Die überwiegende Anzahl bisheriger Studien zu Apraxien fokussiert die Rolle der linken Hemisphäre (LH), obwohl im klinischen Alltag apraktische Defizite auch bei Patienten mit rechtshemisphärischen Schlaganfällen (RH) beobachtet werden. Daher wurden in der aktuellen Untersuchung die Prävalenz und Ausprägung apraktischer Defizite bei Patienten mit linkshemisphärischen (n = 66) und rechtshemisphärischen (n = 73) Schlaganfällen verglichen, nachdem für Alter und sprachliche Leistung kontrolliert worden war.

Unter Anwendung dieser Kontrollvariablen ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen den linkshemisphärisch und rechtshemisphärisch betroffenen Patienten bei der Imitation von Handpositionen. Übereinstimmend mit früheren Berichten schnitten die Patienten mit rechtshemisphärischen Schlaganfällen aber bei der Imitation der Fingerkonstellationen schlechter ab. Interessanterweise zeigten die rechtshemisphärisch betroffenen Patienten auch geringere Leistungen bei den bukkofazialen Items des Kölner Apraxie Screenings (KAS), vornehmlich bei Gesten der oberen Gesichtshälfte. Für beide Patientengruppen wirkten sich sprachliche Auffälligkeiten mehr auf die Pantomime- als auf die Imitationsleistungen beeinträchtigend aus.

Die Ergebnisse legen nahe, dass nach der Kontrolle für Alter und sprachliche Leistungen die Prävalenz und Ausprägung apraktischer Defizite bei Patienten mit rechts- und linkshemisphärischen Schlaganfällen nicht signifikant unterschiedlich sind und in den jeweiligen Rehabilitationsprogrammen entsprechend berücksichtigt werden sollten.

Abstract

Investigations of apraxia typically focus on the role of the left hemisphere (LH), although apraxic deficits can also be observed after a right hemispheric (RH) stroke. We directly compared the prevalence and severity of apraxic deficits in patients with LH (n = 66) and RH (n = 73) stroke, after controlling for the effects of age and language performance. Apraxic deficits were assessed using the KAS (Cologne Apraxia Screening, including subscales for pantomiming and the imitation of bucco-facial and hand/arm gestures) as well as the Goldenberg Hand and Finger Imitation Test. Subsequently, we evaluated the effect of age, language performance, and hemisphere on the prevalence and characteristics of apraxic deficits by regression analyses and mixed design ANOVAS. For the imitation of hand positions, no significant difference was found between LH and RH stroke patients, when controlling for age and language performance. Consistent with the literature, RH stroke patients showed a poorer performance when imitating finger configurations. RH stroke patients also performed worse in the bucco-facial items of the KAS, particularly due to lower scores in upper-face gestures. For both patient groups, the language performance was related more to the pantomime than to the imitation subscales of the KAS. Data suggest that a comparable prevalence and severity of apraxic deficits can be found after LH and RH stroke when controlling for age and language abilities. As a consequence, an apraxic work-up should be included in the assessment of both LH and RH stroke patients prior to neurorehabilitation.

* Beide Autorinnen trugen gleichermaßen zum Manuskript bei und teilen sich somit die Erst-Autorenschaft.




Publikationsverlauf

Eingereicht: 04. Dezember 2018

Angenommen: 04. Oktober 2019

Publikationsdatum:
23. April 2020 (online)

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