CC BY-NC-ND 4.0 · Gesundheitswesen 2020; 82(01): 40-49
DOI: 10.1055/a-1071-7851
Originalarbeit
Eigentümer und Copyright ©Georg Thieme Verlag KG 2019

Wenn es nicht mehr alleine geht – Inanspruchnahme ambulanter Unterstützungsangebote von Menschen mit Demenz: der Bayerische Demenz Survey (BayDem)

Use of Outpatient Care Services by People with Dementia: Results of the Bavarian Dementia Survey (BayDem)
Linda Karrer
1  Interdisziplinäres Zentrum für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health (IZPH), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
,
Nikolas Dietzel
1  Interdisziplinäres Zentrum für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health (IZPH), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
,
Franziska Wolff
1  Interdisziplinäres Zentrum für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health (IZPH), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
,
André Kratzer
2  Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung, Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
,
Manuela Hess
1  Interdisziplinäres Zentrum für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health (IZPH), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
,
Elmar Gräßel
2  Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung, Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
,
Peter Kolominsky-Rabas
1  Interdisziplinäres Zentrum für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health (IZPH), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen
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Publication History

Publication Date:
20 December 2019 (online)

Zusammenfassung

Einleitung Durch die alternden Gesellschaften steigt die Zahl der Menschen mit Demenz (MmD), wodurch die Versorgung der MmD zu einer der zentralen Herausforderungen wird. Diese wird häufig von Angehörigen geleistet, weshalb pflegende Angehörige einer Vielzahl an Belastungen ausgesetzt sind. Entlastende Angebote werden jedoch generell eher selten in Anspruch genommen. Ziel der vorliegenden Analyse ist es, die Inanspruchnahme ambulanter Pflege auf beeinflussende Faktoren hin zu untersuchen.

Methodik Der Bayerische Demenz Survey (BayDem) ist eine multizentrische Längsschnittstudie, die in 3 Regionen (Dachau, Erlangen, Kronach) in Bayern durchgeführt wurde. Projektteilnehmer/innen waren MmD nach ICD-10, sowie deren pflegende Angehörige. Die Verlaufsdaten wurden in standardisierten, persönlichen Interviews in enger Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren vor Ort erhoben. In der vorliegenden Analyse wurde die Inanspruchnahme ambulanter Unterstützungsangebote, insbesondere der ambulanten Pflege, untersucht. Um beeinflussende Faktoren zu identifizieren, wurde eine binär-logistische Regression durchgeführt.

Ergebnisse In BayDem wurden zu Studienbeginn 364 MmD und 339 pflegende Angehörige eingeschlossen. Die Inanspruchnahme ambulanter Unterstützungsangebote war insgesamt gering. Unterstützung in Form von ambulanter Pflege wurde von etwa einem Drittel aller Befragten in Anspruch genommen, womit es das am häufigsten erhaltene Unterstützungsangebot war. Ein signifikanter Zusammenhang wurde zwischen dem Schweregrad des Demenzsyndroms und der Inanspruchnahme ambulanter Pflege 6 Monate nach Studienbeginn festgestellt. Die Chance ambulante Pflege zu beziehen war zudem signifikant höher, wenn ambulante Pflege bereits zu Studienbeginn genutzt wurde.

Schlussfolgerungen Ambulante Unterstützungsangebote werden, obwohl sie einen wichtigen Beitrag zur Entlastung pflegender Angehöriger leisten können, generell eher selten in Anspruch genommen. Um die Inanspruchnahme entlastender Unterstützungsangebote zu erhöhen, sollten die Zugangswege zu entsprechenden Angeboten niedrigschwellig gehalten werden. Neben mehr Öffentlichkeitsarbeit werden deshalb v. a. „zugehende“ Angebote benötigt, um den Betroffenen den Zugang zu Unterstützungsangeboten zu erleichtern.

Abstract

Background The increasing prevalence of dementia raises challenges concerning the care of people with dementia (pwd). The care of pwd is mainly conducted by informal caregivers who are faced with several burdens; however, use of care services is generally low. The aim of this study was to identify predictors of the use of outpatient care services.

Methods The Bavarian Dementia Survey (BayDem) is a multi-centre, longitudinal study that was conducted at 3 different sites in Bavaria, Germany. Participants were people with dementia (pwd) (according to ICD-10) and their informal caregivers. Data were collected by standardised face-to-face interviews using well-designed instruments in cooperation with local partners. Logistic regression analysis was carried out in order to identify predictors of the use of outpatient care services.

Results In total, 364 pwd and 339 informal caregivers were included at the beginning of the study BayDem. The use of supportive care services was generally low. One-third of all participants used outpatient care services. In the logistic regression analysis, the following significant predictors for the use of outpatient care services 6 months after baseline were identified: severity of cognitive impairment of the pwd; use of outpatient care at the beginning of the study.

Conclusion The low use of outpatient care services is a well-known paradoxical phenomenon. Such services can help give relief to informal caregivers. In order to enhance the use of supportive outpatient care services, there should be more focus on innovative health service delivery models with a low access threshold barrier. Besides more public campaigns, more guidance for existing offers is needed.