Nervenheilkunde 2020; 39(01/02): 26-30
DOI: 10.1055/a-1037-2289
Schwerpunkt
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Migräne und der Gastrointestinaltrakt

Eine wechselseitige BeziehungMigraine and the gastrointestinal tractA reciprocal relationship
Andreas Straube
1  Klinik für Neurologie, Oberbayerisches Kopfschmerzzentrum, Klinikum Großhadern, Ludwig-Maximilians Universität, München
,
Ruth Ruscheweyh
1  Klinik für Neurologie, Oberbayerisches Kopfschmerzzentrum, Klinikum Großhadern, Ludwig-Maximilians Universität, München
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Publication Date:
12 February 2020 (online)

ZUSAMMENFASSUNG

Migräne ist die häufigste neurologische Erkrankung und betrifft ca. 10–12 % der Bevölkerung. Frauen sind etwa 2- bis 3-fach häufiger betroffen als Männer. Als neurophysiologisches Korrelat der Migräne wird eine Aktivierung von trigeminalen und parasympathischen Verbindungen vom und zum Hirnstamm und den Meningen gesehen. Dort kommt es zu einer neurogen induzierten Entzündung mit konsekutiver Weitstellung der Gefäße in diesem Gebiet. Gastrointestinale Symptome, insbesondere Übelkeit und Erbrechen, sind typische Begleiterscheinungen der Migräne. Dies zeigt, dass die Migräne Einfluss auf den Gastrointestinaltrakt nehmen kann. Andererseits gibt es zahlreiche Hinweise, dass der Gastrointestinaltrakt die Migräne beeinflussen kann. Ein Ansatz geht von einer Modulation vagaler, sensorischer Afferenzen aus dem Darm zu den zentralen parasympathischen Arealen aus, die dann das zentrale antinozizeptive System beeinflussen. Eine weitere Verbindung zwischen Migräne und Magen-Darm-Trakt ist durch die Calcitonin-gene-related peptide (CGRP)-Ausschüttung in den intrinsischen sensorischen Neuronen des Darmtraktes gegeben. In den letzten Jahren wurde wiederholt gezeigt, dass verschiedene Darmerkrankungen, die meist mit einer gesteigerten Entzündungsaktivität einhergehen, mit einer Migräne vergesellschaftet sind (z. B. Morbus Crohn). Eine mögliche Erklärung ist, dass diese Erkrankungen zu einem vermehrten Durchtritt von Toxinen durch die Darmwand in die Zirkulation führen („leaky gut“) und dieses schließlich zu einer vermehrten entzündlichen Aktivität an den meningealen Gefäßen führt. Schon länger ist bekannt, dass eine systemische proinflammatorische Aktivität zu häufigeren Migräneattacken führen kann. Ein Weg, die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut zu beeinflussen sind Probiotika, die durch eine gezielte Änderung des Besatzes mit Darmbakterien die Darmschleimhaut stabilisieren sollen. Die Datenlage zum Einsatz von Probiotika bei Migräne ist jedoch heterogen und lässt eine eindeutige Aussage zur Wirksamkeit nicht zu.

ABSTRACT

Migraine is a frequent disease, which affects roughly 10–12 % of the population. Females are 2–3 times more likely to suffer from migraine than males. The neurophysiological basis of migraine is the activation of trigeminal and parasympathetic nerve fibers to the meninges, which results in a dilatation of the meningeal vessels and activation of nociceptive fibers. Intestinal symptoms, such as nausea, vomiting, diarrhea and obstipation, are often seen before and during the migraine attack. Otherwise, it is known that several gastrointestinal disorders are seen more often in migraine patients than in controls. Probable explanations for this are the modulation of sensory vagal afferences, increased CGRP secretion in the intestinal tract or a leaky gut with an increased systemic inflammation reaction. Probiotics are thought to have a positive effect on this leaky gut and therefore can help to reduce migraine. However, the data published so far on the prophylactic effect of probiotics on migraine does not conclusively prove that they are useful in migraine.