Fortschr Neurol Psychiatr 2020; 88(02): 118-119
DOI: 10.1055/a-1032-8456
Geschichte der Neurologie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das Beevor-Zeichen

Detlef Claus
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Publication Date:
26 February 2020 (online)

Charles Edward Beevor (1854–1908) lebte und arbeitete als Neurologe in London. Er hatte auch in Wien, Leipzig und Berlin studiert [1].

Das nach ihm benannte Zeichen ist eine Aufwärtsbewegung des Bauchnabels beim Versuch, den Oberkörper in Rückenlage aufzurichten, infolge einer Schwäche des unteren Anteils des Rectus abdominis. Es tritt bei Läsionen der spinalen Wurzeln Th 10–12 oder des Spinalmarks in diesen Segmenten auf. Die Publikation erschien am 4. Juli 1903 [2]. Hier beschrieb der Autor die Bewegung des Umbilicus, die zur Unterscheidung einer Parese des oberen oder unteren Anteils des Rectus abdominis beiträgt. Der Bauchnabel wird vom intakten Muskelanteil in dessen Richtung bis zu einem Inch verlagert. Die Muskelparese wird von Beevor den spinalen Segmenten zugeordnet. Bei einem Fall mit Myopathie wird die Verlagerung des Umbilicus nach kaudal beschrieben. Beevor hatte das Zeichen vorher bereits 1898 in einem Lehrbuch beschrieben (Diseases of the Nervous System: A Handbook for Students and Practitioners) [3].

Hermann Oppenheim (1857–1919) arbeitete als Neurologe in Berlin an der Charité und in einer eigenen Klinik, er ist einer der Begründer der Neurologie in Deutschland. Sein Werk wurde in einer Monographie dargestellt [4]. Auch H. Oppenheim legte am 10. November 1903 eine systematische Untersuchung der Bewegung des Bauchnabels bei Bauchwandparesen vor, mit einer Literaturübersicht und unter Anwendung der elektrischen Stimulation zum Nachweis der Denervierung von Muskeln [5].

Er beschrieb Fälle von Radikuloneuritiden, nach Typhus, Herpes zoster oder unklarer Ursache.

Bei einem Patienten besteht nach Radikulitis (Typhus?) eine Bauchwandparese links. Beim Versuch der Bauchpresse weicht der Nabel nach rechts ab ([Abb. 1] (Oppenheim 1903)). Weiterhin wird eine Erkrankung des Rückenmarks (Poliomyelitis, andere Entzündung?) mit Bauchmuskelparese links gezeigt. ([Abb. 2] (Oppenheim 1903)).

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Abb. 1 Verziehung des Nabels nach rechts, Bauchwandparese links, Radikulitis (Oppenheim 1903) [5].
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Abb. 2 Poliomyelitis, Bauchmuskelparese links, Einziehung rechts und Aufblähung links beim Versuch der Bauchpresse (Oppenheim 1903) [5].

Bei einem Fall mit Dystrophia musculorum progressiva vom facio scapulo humeralen Typ ([Abb. 3] (Oppenheim 1903)) verschiebt sich der Nabel beim Husten nach links und oben. Beim Versuch, sich aus der Rückenlage aufzurichten, spannen sich nur die unteren Teile des Rectus und Obliquus abdominis an, der Nabel verzieht sich nach links und unten.

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Abb. 3 FSHD, Versuch der Bauchpresse, Vorwölbung der oberen Bauchdecke, Einziehung unterhalb des Nabels (Oppenheim 1903) [5].

Oppenheim diskutiert anhand eigener Ergebnisse der elektrischen Muskelreizung die metamere Innervation der Abdominalmuskulatur. Er beschreibt anhand von Kasuistiken, dass sensibel die Nabelregion von Th10 versorgt wird.

Für die Bauchmuskelparese ursächlich können Radikulopathien, Radikulitiden (FSME, Neuroborreliose), Läsionen des Rückemarks (Myelitiden, Tumoren, Syringomyelie) aber auch Myopathien (facio scapulo humerale Muskeldystrophie, FSHD) sein [1]. Besonders bei der klinischen Diagnose der FSHD ist das Zeichen hilfreich.

Bei der FSHD kann es allerdings auch nützlich sein, die Bauchwandparese im Stehen zu beobachten [Abb. 4].

Verschiedene Autoren haben das diagnostisch nützliche Beevor-Zeichen später eingehend analysiert [6], [7]. Shahrizaila und Wills [6] fanden das Beevor Zeichen bei 19 / 20 FSHD Fällen positiv, verglichen mit 2 / 28 mit anderen Muskelkrankheiten und 0 / 20 einer neurologischen Kontrollgruppe. In der Arbeit von Eger et al. [7] war das Zeichen bei 15 von 28 genetisch gesicherten FSHD Fällen positiv, sowie bei 2 von 65 Patienten mit anderen neuromuskulären Krankheiten. Bei Patienten mit klinisch typischer FSHD war das Beevor Zeichen in 11 / 13 Fällen positiv. Aber nur 4 / 15 Patienten mit klinisch atypischer FSHD hatten ein Beevor Zeichen. Daraus wird geschlossen, dass das Zeichen zwar nicht so sensitiv ist, wie früher vermutet (90 %), aber dennoch diagnostisch hilfreich ist.

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Abb. 4 25-jähriger Mann mit genetisch gesicherter FSHD, untere Bauchwandparese, das Beevor-Zeichen ist positiv. Im Stehen ist der untere Bereich der Bauchdecke nach vorn gewölbt.

Das beschriebene Zeichen wurde von zwei Neurologen entdeckt, Beevor (im Jahr 1898) und Oppenheim (im Jahr 1903), es trägt zurecht den Namen von C. E. Beevor.