PSYCH up2date 2020; 14(06): 503-520
DOI: 10.1055/a-1028-3679
Essstörungen, somatische Belastungsstörungen, Schlafstörungen und sexuelle Funktionsstörungen

Psychodiabetologie

Christian Albus
,
Frank Petrak

Patienten mit Diabetes mellitus vom Typ 1 oder 2 benötigen relativ häufig eine psychotherapeutische oder psychopharmakologische Behandlung im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung, z. B. wegen Problemen mit der Krankheitsbewältigung und/oder einer psychischen Komorbidität. Beide Anlässe sind oft verknüpft mit diabetes-spezifischen Problemen, aber auch mit Folge- oder Begleiterkrankungen.

Kernaussagen
  • Probleme der Krankheitsbewältigung und eine psychische Komorbidität können bei Menschen mit Diabetes mellitus mit einer reduzierten Lebensqualität sowie erhöhten Morbidität und Mortalität verknüpft sein.

  • Eine psychotherapeutische und/oder psychopharmakologische Behandlung sollte diabetesspezifische Besonderheiten berücksichtigen (inklusive diabetologischer Therapieziele, Anforderungen an die Therapieadhärenz sowie etwaiger Notfallmaßnahmen).

  • Depressive Störungen sind häufig, stehen in einer bidirektionalen Beziehung zum Diabetes und lassen sich durch Psychotherapie und/oder antidepressive Medikation behandeln. In der Pharmakotherapie sind spezifische UAW beim Diabetes zu beachten.

  • Diabetesbezogene Ängste wie Hypoglykämieangst, Angst vor Insulininjektionen, Blutzuckermessungen in der Öffentlichkeit oder Angst vor dem Beginn einer Insulinbehandlung können störungswertige Ausmaße haben. Die Behandlung von Angststörungen orientiert sich weitgehend an der Behandlung von Menschen ohne Diabetes.

  • Psychogene Essstörungen scheinen bei Menschen mit Diabetes mellitus etwas häufiger als in der Allgemeinbevölkerung zu sein. Es besteht typischerweise eine enge Verschränkung mit diabetesbezogenen Themen. Sowohl „insulin purging“ als auch „binge eating“ sind besonders maladaptive Verhaltensmuster.

  • Ein „schwer einstellbarer Diabetes“ mit gehäuften Akutkomplikationen kann mit einer Persönlichkeitsstörung vom narzisstischen, histrionischen oder Borderline-Typus verknüpft sein.

  • Sexuelle Funktionsstörungen sind bei Männern und Frauen mit Diabetes mellitus wesentlich häufiger als bei Menschen ohne Diabetes, da eine ausgeprägte Wechselwirkung psychologischer Faktoren mit somatischen Folge- und Begleiterkrankungen besteht.

  • Bei der Diagnostik und Therapie komorbider funktioneller Körperbeschwerden muss eine besonders gründliche Berücksichtigung etwaiger Folge- und Begleiterkrankungen erfolgen.



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Article published online:
02 November 2020

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