Aktuelle Dermatologie
DOI: 10.1055/a-1023-3102
Fehler und Irrtümer in der Dermatologie

Auftreten des Post-Finasterid-Syndroms nach Verschreibung von Propecia 1 mg-Tablette zur Behandlung der männlichen Glatzenbildung

Post-Finasteride-Syndrome after Prescription of 1 mg Finasteride-Tablet as a Treatment for Androgenetic Hair Loss
P. Lehmann
Klinik für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie, Helios Universitätsklinikum Wuppertal, Universität Witten-Herdecke
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Zusammenfassung

Ein Patient wurde im Jahre 2013 mit Propecia 1 mg aufgrund einer androgenetischen Alopezie behandelt. Es traten bei ihm eine sexuelle Dysfunktion mit Erektionsschwäche und vermindertem sexuellen Verlangen auf, die auch nach Abbrechen der Therapie anhielt. Daraufhin machte der Patient gegenüber dem Facharzt einen Behandlungsfehler geltend aufgrund mangelhafter Aufklärung mit der Konsequenz einer fehlerhaften Behandlung. Der urologische Fachgutachter bejahte den Behandlungsfehler. Er war der Meinung, dass, auch wenn nur Einzelfälle mit geringer wissenschaftlicher Basis über das Post-Finasterid-Syndrom bekannt wären, der Facharzt über diese schwerwiegende Nebenwirkung den Patienten hätte aufklären müssen, dies insbesondere bei einer rein kosmetischen Indikation männlicher Glatzenbildung.

Der dermatologische Gutachter schloss sich nicht dieser Meinung an. Im Verordnungsjahr 2013 existierten lediglich 2 Publikationen über Einzelfälle des Post-Finasterid-Syndroms. Diese Publikationen in peripheren Zeitschriften fanden noch kein allgemeines wissenschaftliches Echo und führten auch nicht zur Änderung der Fachinformation. Erst im Verlauf der Folgejahre wurde in der Postmarketing-Phase das Syndrom öfters beschrieben und fand auch Eingang in die Fachinformation. Da für die Beurteilung das im Jahre der Verordnung geltende wissenschaftliche Wissen entscheidend ist, kann dem Facharzt kein Behandlungsfehler vorgeworfen werden.

Abstract

A patient developed persistent sexual dysfunction upon treatment with finasteride 1 mg for androgenetic hair loss. He accused the prescriber of malpractice because he felt not been adequately informed on this severe side effect. An urology expert stated that the prescriber should have informed the patient on this grave side effect, although in the year of prescription only a few cases had been reported. Therefore, he stated that the information for the patient was inadequate with the consequence of malpractice.

The dermatological expert did not agree. In the year of prescription only two papers had been published dealing with this side effect occurring in few patients. This did not lead to change of the information. Only in the following years the post-finasteride syndrome achieved more attention due to growing evidence based on more case series. Since for the judgement of this case the scientifically based knowledge of the prescription year is decisive, the accusation of malpractice was denied.



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Publication Date:
30 April 2020 (online)

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