Notfallmedizin up2date 2020; 15(04): 441-458
DOI: 10.1055/a-1019-8318
Spezielle Notfälle

Verletzungsmuster und Einsatztaktik bei Gefahrstoffunfällen im Rettungsdienst

Andrea Köser
,
Ulf Lorenzen
,
Florian Reifferscheid

Verletzungen durch Säuren, Laugen und Gefahrstoffe sind Szenarien, mit denen der Rettungsdienst zwar verhältnismäßig selten konfrontiert wird, die sich dann jedoch häufig vital bedrohlich für den oder die Patienten auswirken. Auf der anderen Seite bedeuten sie für die Einsatzkräfte häufig eine hohe Anspannung und kein routinemäßiges Abarbeiten des Einsatzes.

Kernaussagen
  • Verletzungen durch Säuren, Laugen und Gefahrenstoffe finden häufig im häuslichen Umfeld statt. Oft sind Kinder im Alter von 1 – 4 Jahren betroffen.

  • Die möglichen Gefahren hängen nicht nur von der Art und Menge des Gefahrstoffes ab, sondern auch davon, auf welche Art und wie lange der Betroffene mit ihm in Kontakt war.

  • Wichtiger Bestandteil einer Einsatztaktik bei einem Gefahrgutunfall ist die „GAMS-Regel“: Gefahr erkennen – Absperren – Menschenrettung durchführen – Spezialkräfte alarmieren.

  • Im rettungsdienstlichen Vorgehen ist die „Fünf-Finger-Regel“ zu beachten: lebensrettende Erstmaßnahmen unter Eigenschutz – Giftentfernung – Antidotbehandlung – Asservierung – Transport des Patienten.

  • Eigenschutz hat oberste Priorität! Es sind geeignete Schutzkleidung, Schutzbrille und doppelte Handschuhe, ggf. auch Infektionsschutzhandschuhe anzuziehen.

  • Ist die Anwendung spezifischer Antidote notwendig, sollten die zuständigen Giftinformationszentren kontaktiert werden. Zur Erfassung des Gesamtbildes der Intoxikation und einer umfassenden und vollständigen Beurteilung durch das Giftinformationszentrum (GIZ) kann es helfen, die „W-Fragen“ abzuarbeiten.

  • Zur Abschätzung des Ausmaßes von verbrannter Körperoberfläche (KOF) kann bei Erwachsenen die „Neuner-Regel“ nach Wallace herangezogen werden. Bei Kindern sollte die „Handflächenregel“ angewendet werden, wobei die Handinnenfläche des Patienten mit 1% der KOF als Referenz dient.

  • Bei Verbrennungen im Gesicht, versengter Gesichts- und Nasenbehaarung, Rußspuren im Gesicht und im Sputum sowie Anzeichen einer Atemwegsobstruktion mit Stridor oder Ödemen muss mit einem Inhalationstrauma gerechnet werden.

  • Bei Verbrennungsopfern wird für den präklinischen Einsatz bei Erwachsenen eine Flüssigkeitssubstitution mit einer balancierten Elektrolytlösung von 1 l in den ersten 2 Stunden, bei Kindern von 10 ml/kgKG empfohlen. Eine zu aggressive Volumentherapie sollte vermieden werden.

  • Bei ernsten gesundheitlichen Schäden muss eine Klinikeinweisung erfolgen. Die aufnehmende Klinik sollte über eine verfügbare Intensiveinheit mit der Möglichkeit zur Hämodialyse verfügen. Eine Voranmeldung via Leitstelle ist obligat. Ist die Versorgung in einem spezialisierten Zentrum notwendig, z. B. bei Brandverletzungen, und eine direkte Verlegung nicht möglich, sollte eine geeignete Klinik mit Schockraumversorgung und Intensiveinheit zur Erstversorgung angefahren werden.

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Article published online:
04 December 2020

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