Akt Dermatol
DOI: 10.1055/a-1002-9728
Fehler und Irrtümer in der Dermatologie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Fehldiagnose eines genitalen Morbus Paget als Lichen sclerosus et atrophicus aufgrund verspäteter histologischer Diagnosesicherung

Misdiagnosis of Pagetʼs Disease as Lichen sclerosus et atrophicus due to Delayed Histologic Diagnosis
P. Elsner
1  Klinik für Hautkrankheiten, Universitätsklinikum Jena
,
M. Peckruhn
1  Klinik für Hautkrankheiten, Universitätsklinikum Jena
,
J. Meyer
2  Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, Hannover
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Publication Date:
23 October 2019 (online)

Zusammenfassung

Eine Patientin mit Hautveränderungen im Bereich der Vulva wurde von einer Dermatologin unter der Diagnose eines Lichen sclerosus et atrophicus behandelt. Zum Ausschluss eines malignen Prozesses erfolgte die Überweisung an eine Gynäkologin zwecks Biopsie, die diese jedoch nicht vornahm. Die Dermatologin behandelte die Patientin über weitere dreieinhalb Jahre antientzündlich, bis durch eine bei einem anderen Gynäkologen durchgeführte Biopsie die Diagnose eines extramammären Morbus Paget gestellt wurde. Aufgrund des zwischenzeitlich ausgedehnten Befundes waren in der Folge wiederholte Vulvektomien mit erheblichen Residualschäden erforderlich.

Von der Schlichtungsstelle wurde ein schuldhafter Befunderhebungsfehler bejaht. Die Übertragung der Durchführung der histopathologischen Diagnostik ohne Einforderung des Befundergebnisses bzw. die histologisch unkontrollierte Aufrechterhaltung der Diagnose bei regelmäßiger Befundkontrolle und Therapie über mehr als 3 Jahre waren als Fehler ärztlichen Handelns einzuordnen.

Da es sich bei dem Biopsieauftrag um eine bloße Delegation einer genuin dermatologischen Leistung handelte, konnte sich die Dermatologin auch nicht auf den rechtlichen Grundsatz der „horizontalen Arbeitsteilung“ berufen. Indem sie die Patientin gleichwohl weiterbehandelte, bestand der Behandlungsvertrag, der sie persönlich zu einer Behandlung nach dermatologischem Facharztstandard verpflichtete, unverändert fort.

Dermatologen sollten bei der Delegation diagnostischer Leistungen an andere Fachgebiete sicherstellen, dass diese Leistungen auch tatsächlich erbracht werden.

Da Vulvakarzinome klinisch uncharakteristisch sein könnten, sollte bei dem geringsten Verdacht eine bioptische dermatohistologische Befundsicherung angestrebt werden.

Abstract

A patient with vulvar skin lesions was treated by a dermatologist under the diagnosis of lichen sclerosus et atrophicus. To exclude a malignant process, the patient was referred to a gynaecologist for biopsy, which was not performed. The dermatologist continued to treat the patient with anti-inflammatory topicals for another three and a half years, until another gynaecologist performed a biopsy that showed Pagetʼs disease. Repeated vulvectomies with considerable residual damage were necessary.

The Independent Medical Expert Council (IMEC) confirmed a culpable medical diagnostic error. The delegation of the performance of histopathological diagnostics without demanding the result of the findings and the histologically uncontrolled maintenance of the diagnosis with regular therapy over more than 3 years were classified as medical errors.

Since the referral for biopsy was merely a delegation of a genuine dermatological duty, the dermatologist could not invoke the legal principle of the “horizontal division of responsibilities”. By continuing to treat the patient, the dermatologist upheld the treatment contract, which obliged her personally to a treatment according to the dermatological specialist standard.

When delegating diagnostic services to other specialists, dermatologists should ensure that these services are actually provided.

Since vulvar carcinomas may be uncharacteristic clinically, a biopsy with a dermatohistological workup should be performed at the slightest suspicion of any malignancy.