CC BY-NC-ND 4.0 · Geburtshilfe Frauenheilkd 2020; 80(01): 84-94
DOI: 10.1055/a-0981-6286
GebFra Science
Original Article
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

The Change in Attitudes Towards Abortion in Former West and East Germany After Reunification: A Latent Class Analysis and Implications for Abortion Access

Der Einstellungswandel zum Schwangerschaftsabbruch in Ost- und Westdeutschland nach der Wiedervereinigung: eine latente Klassenanalyse und die Implikationen für den Zugang zu Abtreibung
Franz Hanschmidt
1  Department of Psychosomatic Medicine and Psychotherapy, University of Leipzig, Leipzig, Germany
,
Julia Kaiser
1  Department of Psychosomatic Medicine and Psychotherapy, University of Leipzig, Leipzig, Germany
,
Holger Stepan
2  Department of Obstetrics, University of Leipzig, Leipzig, Germany
,
Anette Kersting
1  Department of Psychosomatic Medicine and Psychotherapy, University of Leipzig, Leipzig, Germany
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

received 29 January 2019
revised 16 July 2019

accepted 22 July 2019

Publication Date:
13 January 2020 (online)

  

Abstract

Introduction The legal status of abortion has changed in the regions of former East Germany after reunification due to the adoption of restrictive West German abortion policies. The aim of this study was to evaluate the impact on attitudes towards abortion and the associated health care implications in Western and Eastern Germany.

Materials and Methods Nationally representative data on public support for legally restricting abortion access were taken from the German General Social Survey and included the surveys 1992, 1996, 2000, 2006 and 2012 (N = 14 459). Two indicators of barriers to access to abortion care were calculated for each federal state, based on the number of abortion facilities and the proportion of women seeking abortion outside their state of residency. Data were analysed using latent class analysis.

Results Results suggested that abortion attitudes could be classified into three distinct subgroups: 1) support for abortion access independent of womenʼs reason; 2) support on the basis of maternal or foetal health reasons but not for socio-economic reasons (e.g. financial restrictions); and 3) no support. The size of subgroups in favour of partial or complete restriction on abortion access increased in both regions over the study period and this trend could not be explained by changes in socio-demographic characteristics. Respondents living in a federal state with more barriers to access to abortion care were more likely to hold restrictive abortion attitudes.

Conclusion Negative attitudes towards abortion have increased in Western and Eastern Germany during the two decades following reunification and may harm women by limiting acceptability and accessibility of abortion care. Abortion policies, public discourse and provision of abortion care should be informed by international guidelines protecting womenʼs health and rights.

Zusammenfassung

Einleitung Der rechtliche Status des Schwangerschaftsabbruchs in den Regionen der früheren DDR hat sich nach der Wiedervereinigung und der Übernahme der restriktiveren westdeutschen Politik geändert. Ziel dieser Studie war es, die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Einstellungen zum Schwangerschaftsabbruch und die Implikationen für die damit verbundene Gesundheitsversorgung in Ost- und Westdeutschland zu untersuchen.

Material und Methoden Der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften aus den Jahren 1992, 1996, 2000, 2006 und 2012 (N = 14 459) wurden bundesweit repräsentative Daten über das Ausmaß der öffentlichen Unterstützung für den legalen Zugang zum Schwangerschaftsabbruch entnommen. Basierend auf der Anzahl der vorhandenen Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, und dem Anteil der Frauen, die für einen Schwangerschaftsabbruch in ein anderes Bundesland reisten, wurden pro Bundesland 2 Indikatoren kalkuliert, welche die Einschränkungen beim Zugang zur Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen darstellen sollten. Die Daten wurden mittels der latenten Klassenanalyse analysiert.

Ergebnisse Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Einstellungen zum Schwangerschaftsabbruch in 3 unterschiedliche Untergruppen unterteilt werden können: 1) Der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch wird, ungeachtet der Gründe der betroffenen Frauen, unterstützt; 2) Der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch wird unterstützt, wenn der Schwangerschaftsabbruch mit einem mütterlichen oder fetalen Gesundheitsrisiko begründet wird, nicht aber, wenn er aus sozioökonomischen Gründen (z. B. finanzielle Einschränkungen) durchgeführt wird; und 3) der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch wird generell nicht unterstützt. Die Größe der jeweiligen Untergruppen, die eine teilweise oder gänzliche Einschränkung des Zugangs zum Schwangerschaftsabbruchs befürworten, ist im Laufe des untersuchten Studienzeitraums in beiden Regionen angestiegen und diese Tendenz war nicht auf Veränderungen in den soziodemografischen Merkmale zurückzuführen. Befragte, die in Bundesländern lebten, wo der Zugang zur Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen mit größeren Hürden verbunden war, neigten eher zu restriktiveren Einstellungen zum Schwangerschaftsabbruch.

Schlussfolgerung Die negativen Einstellungen zum Schwangerschaftsabbruch sind in West- und Ostdeutschland in den 2 Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung angestiegen. Das kann sich auf Frauen nachteilig auswirken, wenn die allgemeine Akzeptanz der Versorgung und der Zugang zur Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen sinkt. Politische Maßnahmen, der öffentliche Diskurs und die Integration von Schwangerschaftsabbrüchen in die Gesundheitsversorgung sollten sich nach den internationalen Richtlinien zum Schutz von Frauengesundheit und Frauenrechten richten.

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