Notfallmedizin up2date 2020; 15(04): 421-437
DOI: 10.1055/a-0974-7202
Pädiatrische Notfälle

Akute neurologische Notfälle im Kindesalter

Janina Gburek-Augustat
,
Andreas Merkenschlager
,
Mark Dzietko

Erste-Hilfe-Maßnahmen, Anamneseerhebung und klinisch-neurologische Untersuchung müssen in kürzester Zeit strukturiert und häufig vor weiterer Labor- und apparativer Diagnostik simultan durchgeführt werden. Nur so können wichtige Differenzialdiagnosen schnell benannt und zielgerichtete Untersuchungen und Therapien eingeleitet werden. Dieses Vorgehen gilt grundsätzlich, obwohl die Ursachen je nach Altersklasse sehr unterschiedlich sein können, was den Erstbehandelnden vor eine nicht immer leicht zu bewältigende Aufgabe stellt.

Kernaussagen
  • Akute neurologische Notfälle im Kindesalter stellen ein nicht zu vernachlässigendes Problem in der Notaufnahme oder im Rettungsdienst dar.

  • Eine altersangepasste Variante der Glasgow Coma Scale findet im Kindesalter Verwendung zur primären Einschätzung des Bewusstseinszustandes.

  • Die fokussierte Anamnese und neurologische Untersuchung können häufig schon die Ätiologie der Bewusstseinsstörung aufdecken und sollten deswegen gewissenhaft durchgeführt werden.

  • Gleichzeitiges Management von Diagnostik und sofortiger Therapie sind essenzielle Komponenten bei der Behandlung des bewusstseinsgestörten Kindes.

  • Krampfanfälle, motorische Auffälligkeiten sowie Kopfschmerzen bei einem bewusstseinsgestörten Kind bedürfen einer sofortigen Diagnostik, bis der Grund gefunden worden ist; dabei muss auf besondere Warnhinweise geachtet werden, um potenziell gefährliche Formen frühzeitig zu identifizieren.

  • Krampfanfälle müssen spätestens nach 5 min behandelt werden, um einen refraktären Status epilepticus zu verhindern und damit weiteren Schaden vom Gehirn abzuwenden.

  • Bei Verdacht auf eine Infektion des ZNS darf die Verabreichung von Antibiotika nicht durch eine Lumbalpunktion oder Computertomografie verzögert werden. Die antibiotische bzw. antivirale Therapie muss möglichst nach Abnahme einer Blutkultur sofort eingeleitet werden.

  • Bei einem ischämischen Schlaganfall sollte das Kind in einem Krankenhaus der Maximalversorgung behandelt und eine Lysetherapie erwogen werden. Jeder Fall ist aber individuell zu betrachten.

  • Die langfristige neurologische Prognose hängt im Kindesalter eng mit der Ursache der Bewusstseinsstörung und der Zeit bis zur Diagnose zusammen. Sie reicht von kompletter Gesundung bis zur bleibenden neurologischen Beeinträchtigung und Tod. Schnelles Handeln und die Klärung der Ätiologie können somit lebensrettend sein und neurologische Folgeschäden minimieren.



Publication History

Article published online:
04 December 2020

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