Fortschr Neurol Psychiatr 2019; 87(08): 410-411
DOI: 10.1055/a-0958-0486
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Disease Interception“ – Was hat es auf sich mit diesem neuen Forschungskonzept?

„Disease Interception“ – What is it about this new research concept?
Joachim Klosterkötter
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Publication Date:
20 August 2019 (online)

In der globalen Forschungsagenda von Janssen-Cilag, einem der traditionsreichsten und wissenschaftlich aktivsten Unternehmen der internationalen pharmazeutischen Industrie, spielt neuerdings „Disease Interception (DI)“, also im Deutschen das „Abfangen von Krankheit“, eine konzeptionelle Schlüsselrolle. Man hat diese Begriffsbildung offenbar aus einigen jüngeren, überwiegend erst kurze Zeit zurückliegenden rheumatologischen, hämatologischen, onkologischen und neuropsychiatrischen Publikationen aufgegriffen, in denen sie eigentlich mehr beschreibend gemeint und auf die Behandlung von frühen Stadien oder Vorstufen der jeweiligen Erkrankung bezogen war. In diesen Beschreibungen früh einsetzender Therapieversuche etwa von rheumatoider Arthritis, Krebs oder Alzheimer-Demenz klang jedoch zugleich so etwas wie eine neue, die einzelnen Krankheitsgruppen übergreifende, Gesamtausrichtung der modernen Medizin mit an, und genau dies wurde von den Verantwortlichen für die globale Forschungsagenda des Unternehmens klar erkannt [1].

„Wir bei Janssen“, so heißt es in einer der hierauf bezogenen programmatischen Verlautbarungen auf der Website des Unternehmens, „glauben an einen Paradigmenwechsel in der Behandlung schwerer und oft lebensbedrohlicher Krankheiten. Diesen Paradigmenwechsel nennen wir „Disease Interception“. Dank immer tieferer Einsichten in die biologischen Prozesse und neuer digitaler Technologien kann die Medizin bereits heute individuelle Veränderungen im menschlichen Körper nachweisen, bevor sich die Erkrankung in klinischen Symptomen manifestiert. Gesunderhaltung statt Behandlung: Disease Interception setzt in der Übergangsphase von gesund zu krank an und erlaubt es, Krankheiten, bevor sie ausbrechen, zu verhindern“.

Aus Sicht der Firma steht somit nicht weniger als eine wahre „Revolutionierung“ der heute noch dominierenden herkömmlich klinischen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit sowie auch unseres ganzen hierauf fußenden Gesundheitssystems an. Die fortschreitende Entwicklung neuer Verarbeitungsmöglichkeiten von großen und komplexen Datenmengen („big data“) soll es der Medizin mehr und mehr ermöglichen, Genomanalysen und molekulare diagnostische Verfahren zur Erstellung von individuellen Risikoprofilen zu nutzen. Folgerichtig erscheint die Zukunftsperspektive einer „Präzisionsmedizin“ am Horizont, die genau diese ganz besonderen Risikoprofile aller einzelnen Patientinnen und Patienten zur Grundlage ihrer Therapieentscheidungen machen will. Es ginge dann im Arzt-Patienten-Verhältnis immer ganz vorrangig um die Einschätzung des Erkrankungsrisikos anhand der im Einzelfall jeweils gegebenen Muster von Biomarkern, das Monitoring der persönlichen Biomarker-Entwicklung im weiteren Verlauf und die Terminierung des therapeutischen Eingriffs genau zu dem richtigen Zeitpunkt, wenn die Erkrankungsgefahr zunimmt, vor dem drohenden Ausbruch aber noch ein „Interception Window“ offensteht.

Um mit der Etablierung einer solchen risikoorientierten Medizin schneller voranzukommen, hat die Firma den Forschungs- und Entwicklungsbereich „Disease Interception Accelerator (DIA)“ gegründet. Die darin tätigen Arbeitsgruppen brechen das globale DI-Konzept auf die einzelnen, hierfür schon nach heutigem Kenntnisstand infrage kommenden Krankheitsgruppen herunter. Die gewünschte Beschleunigung soll also sinnvollerweise durch eine Konkretisierung erreicht werden, mit der man den „Stakeholdern“ im Gesundheitssystem die Leistungsfähigkeit des Abfangparadigmas am Beispiel stark belastender Erkrankungen wie Krebs oder Demenz vor Augen führt. DI dürfte, so lautet die Botschaft, die man damit aussenden will, aller Voraussicht nach das Gesundheitssystem von morgen maßgeblich prägen. Dementsprechend sollte diese Entwicklung auch heute schon durch eine zielgerichtete Forschungsförderung sowie auch die Schaffung der nötigen bioethischen, medizin-rechtlichen, gesundheitsökonomischen und politischen Voraussetzungen vorbereitet werden.

Man mag die publikumswirksam aufbereitete Präsentation des neuen Paradigmas überzogen finden und die dabei zum Ausdruck gebrachte „Vision von einer Welt ohne Krankheiten“ dann doch für zu weitgehend halten. Davon einmal abgesehen, macht jedoch der geforderte Übergang von der Bekämpfung ausgebrochener zur Verhinderung ausbrechender Krankheiten beim derzeitigen Entwicklungsstand der Grundlagenforschung durchaus sehr viel Sinn. Auf psychiatrischem und neurologischem Gebiet lässt sich dies vor allem an zwei schwerwiegenden Krankheiten deutlich machen: der Schizophrenie [2] und der Alzheimer-Demenz [3]. DI beginnt nach der inneren Logik des Konzepts immer mit der Identifizierung von Menschen mit sehr hohem Erkrankungsrisiko. Genau dieser Identifizierungsaufgabe hat man sich auf den beiden Gebieten der Schizophrenie- und der Alzheimerforschung in den letzten 20 Jahren zugewandt und Kriteriensätze entwickelt, mit deren Hilfe sich in der Tat ein sehr hohes Erkrankungsrisiko jeweils an Schizophrenie oder Alzheimer-Demenz feststellen lässt.

Für die psychotischen Störungen sind dies zum einen bestimmte abgeschwächte oder flüchtige psychotische Symptome, die sogenannten „Ultra High Risk (UHR)“-Kriterien, und zum anderen eine Reihe von kognitiven und perzeptiven Beeinträchtigungens, die sogenannten Basisstörungskriterien. Insbesondere dann, wenn die Rat- und Hilfesuchenden in den eigens für solche Risikoidentifikation geschaffenen Früherkennungszentren beide Kriteriensätze erfüllen, kann angenommen werden, dass sie sich im „Clinical High Risk State for Psychosis“ befinden und der baldige Ausbruch der schizophrenen Erkrankung droht. Man versucht dann durch weitere Risikostratifizierung und die Nutzung auch von neurophysiologischen und neuroradiologischen Biomarkern zu einer möglichst genauen Festlegung des „Interception Windows“ für jede einzelne Hochrisikoperson zu gelangen. Für den sich hieran anschließenden dritten Schritt des tatsächlichen Abfangens schizophrener Erkrankungen stehen heute bereits einige evidenzbasierte pharmakologische und psychologische Interventionen zur Verfügung, aus denen sich eine möglichst genau an das individuelle Hochrisiko anzugleichende Auswahl treffen lässt [4].

Ähnlich wie die Schizophrenie- hat auch die im DIA bereits stark mitberücksichtigte Alzheimerforschung zunächst klinische und subklinische Symptome für die Risikoidentifikation genutzt. Den UHR-Kriterien entspricht auf diesem Gebiet in etwa das Syndrom der leichten kognitiven Störung („Mild Cognitive Impairment – MCI“) und den Basisstörungskriterien die gleichfalls im Verlauf früher auftretende subjektiv empfundene kognitive Verschlechterung („Subjective Cognitive Decline-SCD“). Wenn solche Risikoindikatoren in den Gedächtnisambulanzen aufgedeckt werden, entsprechen die zu erwartenden Übergangsraten in das Vollbild einer Alzheimer-Demenz auch ungefähr denen in psychotische Erstepisoden im klinischen Hochrisikostadium für Schizophrenie. Die Nutzungsmöglichkeit von gut validierten und international anerkannten Biomarkern in der Hirnbildgebung, im lumbalen Liquor und mehr und mehr auch im Blut erlaubt dann jedoch die Zuordnung von SCD und MCI zur Alzheimer-Demenz schon mit nahezu diagnostischer Sicherheit. Allerdings steht für die Hochrisiko-Patienten mit SCD- / MCI Alzheimer-Demenz trotz intensivster Therapieforschung in den letzten Jahren bisher noch kein Interventionsangebot zur Verfügung, mit dem sich die volle Erkrankung dann tatsächlich auch abfangen ließe [5].

Die beiden Beispiele neuartiger risikoorientierter Forschung auf dem von den „Fortschritten“ abgedeckten psychiatrischen und neurologischen Gebiet gaben Anlass, dass Abfangparadigma in dieser Zeitschrift einmal vorzustellen. Sowohl für seine weitere Umsetzung in der Forschung als auch für die Anwendungsperspektive im Gesundheitssystem dürfte es hilfreich sein, wenn man sich über die volle Breite der Medizin hinweg ein zutreffendes Bild von dem zukunftsträchtigen Potenzial dieser neuen Forschungsrichtung machen kann.