Pädiatrie up2date 2021; 16(02): 107-117
DOI: 10.1055/a-0955-0114
Neuropädiatrie/Psychiatrie

Fetale Alkoholspektrumstörungen – Versorgung von Kindern und Jugendlichen

Mirjam N. Landgraf
,
Tobias Weinmann
,
Judith E. Moder
,
Katharina Kerber
,
Jessica Jung
,
Julia A. Schlüter
,
Florian Heinen
,
Lisa K. Ordenewitz

Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann zu neurokognitiven Beeinträchtigungen und morphologischen Veränderungen beim Kind führen, die unter dem Oberbegriff „Fetale Alkoholspektrumstörung“ (FASD) zusammengefasst werden. Die FASD geht mit erheblichen Einschränkungen der selbstständigen Alltags- und Lebensgestaltung einher – im Kindes- und Jugendalter ebenso wie im Erwachsenenalter.

Kernaussagen
  • FASD ist laut statistischer Schätzung die häufigste bei Geburt bestehende chronische Erkrankung und geht mit erheblichen Einschränkungen der selbstständigen Alltags- und Lebensgestaltung einher.

  • Menschen mit FASD entwickeln häufig Sekundärerkrankungen wie psychiatrische Störungen oder eigene Alkohol- und Drogenabhängigkeit, geraten oft in Gesetzeskonflikte oder sind Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt.

  • Die Auftretenswahrscheinlichkeit von Sekundärerkrankungen kann durch eine frühe Diagnosestellung und das Aufwachsen in einem stabilen, gewaltfreien Umfeld verringert werden.

  • Aufgrund der hohen Heterogenität des neuropsychologischen Profils der PatientInnen gibt es keine einheitliche FASD-Therapie. Interventionen sollten symptomorientiert und mit Hinblick auf die jeweiligen Entwicklungsschritte und -aufgaben erfolgen.

  • Bei der Planung von Interventionen sollte die frühe Förderung der Aufmerksamkeits- und Selbstregulation im Vordergrund stehen, da diese maßgeblich zur Verbesserung der Alltagsfähigkeiten beitragen.

  • Explizite Instruktionen, häufige Wiederholungen, ein hoher Alltagsbezug, Einbeziehung der Eltern, Vermeiden von Überforderung und eine Fokussierung auf individuelle Stärken haben sich als effektive Therapiestrategien erwiesen.

  • Aus der klinischen Erfahrung kann sich eine kontinuierliche Anbindung an ein interdisziplinäres FASD-erfahrenes Zentrum, welches die bedarfsorientierten Förder- und Therapiemaßnahmen von Kindern und Jugendlichen mit FASD koordiniert und ggf. anpasst, positiv auf den Entwicklungsverlauf der Kinder und Jugendlichen und die Lebensqualität innerhalb des Familienverbundes auswirken (siehe Projekt Deutsches FASD Kompetenzzentrum Bayern; www.deutsches-fasd-kompetenzzentrum-bayern.de).



Publication History

Publication Date:
04 June 2021 (online)

© 2021. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany