Z Geburtshilfe Neonatol 2019; 223(03): 184-185
DOI: 10.1055/a-0894-1655
Geschichte der Perinatalmedizin
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wigand und die äußere Wendung

Volker Lehmann
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Publikationsdatum:
14. Juni 2019 (online)

Auch wenn heute noch kaum einer der jüngeren Geburtshelfer ihn ausführen kann, hat der Wigand-Martin-Winckelsche Handgriff noch einen Platz in jedem Lehrbuch der geburtshilflichen Operationen. Etwas martialisch klingt die Bezeichnung „Drei-Männer-Handgriff“. Justus Heinrich Wigand (1769–1817) war der älteste von den 3 Namensgebern. Er hatte 1800 den Handgriff zur Entwicklung des kindlichen Kopfes bei Beckenendlagengeburten angegeben. Martin und Winckel haben diesen Handgriff lediglich modifiziert.

Die operative Geburtshilfe hatte Wigand 1791 in Erlangen bei J. Ph. Rudolph (1769–1793) gelernt, der Wigand bei komplizierten Geburten als seinen Assistenten einsetzte. Aber diese instrumentelle Geburtshilfe, die auch im Unterricht der Studenten dargestellt und gelehrt wurde in der Aufteilung von Zangen-, Hebel- und Hakengeburten, sagte Wigand nicht zu. So lehnte er auch das Angebot ab, in Erlangen als „Accoucheur“ zu bleiben.

Im 17. und 18. Jahrhundert hatten sich im deutschen Sprachraum 2 gegensätzliche Schulen unter den Geburtshelfern ausgebildet. Die eine repräsentierte Johann Friedrich Osiander (1759–1822) in Göttingen als Verfechter der „geburtshilflichen Operationskunst“. Auf der anderen Seite stand Johann Lukas Boer (1751–1835) in Wien als Vertreter einer streng konservativen Geburtshilfe.

Da die Lehrer von Wigand in Jena und Erlangen Schüler von Osiander waren, hatte Wigand über deren stark instrumentell ausgerichtete Geburtshilfe geklagt. Sie würden die Frauen zu über 50% mit Zange oder Haken entbinden. Als Wigand bei seiner Deutschlandreise 1814 in Berlin die Charité besuchte und in einem großen Entbindungssaal einen „ungeheuren Osiander' schen Geburtsstuhl erblickte, der wie ein lauerndes Ungeheuer auf seinen 6 Füßen ausgestreckt, mit weit aufgesperrtem Rachen das bedauernswürdige Schlachtopfer der Kunst erwartet“, erschrak Wigand: „Wie muß der armen Gebärenden, der ängstlichen und schamhaften, zu Muthe werden, über diese Geburtsmaschine hingestreckt, mehreren Dutzenden lüsternen Augen sich preiszugeben …“.

So ist es keine Überraschung, dass Wigand in das Lager von Johann Lukas Boer (1751–1835) wechselte. Er war von Boers abwartender konservativen Geburtshilfe überzeugt. Wigand wollte den Ablauf, soweit dies möglich war, der Natur überlassen. „Ich hoffe, dass jedermann wohl bemerken wird, wie sehr ich mich bemüht und beeifert habe, unsere herrliche Kunst mit der noch herrlicheren Natur in die engste Verbindung zu bringen“.

Er beklagte, dass bei seiner Ausbildung sich „die äußerst seltene Gelegenheit ergab, natürliche Geburten zu beobachten“. Er hatte eine Art Widerwillen gegen das Fach entwickelt. Die mangelnde Erfahrung spontane Geburtsverläufe zu beurteilen, hat er erst später in seiner Privatpraxis ausgleichen können.

In St. Petersburg wollte er die Prüfung als Arzt ablegen. Wegen Streitereien mit dem Klinikvorstand musste er Russland verlassen und ließ sich – mehr oder weniger gewollt – 1793 in Hamburg nieder. Was dort gesucht wurde, war ein Geburtshelfer. Zwei beliebte Ärzte waren in Hamburg gestorben und es wurde dringend ein Nachfolger gesucht. Und so musste Wigand entgegen seiner ursprünglichen Neigung in Hamburg Geburtshilfe betreiben. Eine anfängliche Unsicherheit in seinem ärztlichen Handeln wich bald einem gesunden Selbstbewusstsein: „Ich glaube nicht, dass es unter den jetzt lebenden Geburtshelfern Europas, irgend noch einen gibt, welcher mehr Frauen mit eigener Hand entbunden hat, als ich; auch möchte ich wohl daran zweifeln, ob es einen gibt, der sich eines größeren Glückes bei diesem Geschäft rühmen darf als mir…“.

Einen wesentlichen Schwerpunkt seiner ärztlichen Tätigkeit sah Wigand in der genauen Beobachtung seiner Patientinnen. Er bewunderte E. L. Heim, den populären Arzt in Berlin, für seinen „Natursinn … und möchten jene geschwätzigen Herren Kollegen lernen, dass es am Krankenbett nicht so viel darauf ankomme, wie viel man erfrägt, als wieviel man mit seinen lebendigen und fleißigen Sinnen wahrnimmt. Ach! ein stiller aber beobachtender Arzt sollte jedesmal wie für einen doppelten Besuch honoriert werden“. „Beobachten, nicht schwätzen“ war die Parole.

Wigand setzte sich so vehement für einen abwartenden Geburtsverlauf und die treibenden Kräfte der Natur ein, dass böswillige Kollegen ihn für einen „deutschen Sacombe halten, der auf nichts weniger ausgeht, als alle und jede lnstrumentalhülfe aus der Geburtshilfe zu verbannen“. Jean-François Sacombe, (1750–1822) war ein französischer Geburtshelfer, der alle seine Kollegen, die jemals einen Kaiserschnitt ausgeübt hatten, als Mörder bezeichnete.

Wigand hatte wertvolle Beiträge zu der äußeren Untersuchung der Schwangeren geschrieben und sie aufgrund seiner Erfahrung grundsätzlich, jedoch ohne Polemik gefordert. Im Jahre 1812 schickte er drei Abhandlungen mit einem Kupferstich über die Wendung auf den Kopf durch äußere Handgriffe an die medizinischen Fakultäten in Berlin und Paris zur Prüfung ([Abb. 1]).

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Abb. 1 Titelblatt der „Drey den Medizinischen Facultäten zu Paris und Berlin zur Prüfung übergebenen Geburtshülflichen Abhandlungen – mit einem Kupfer“ von Justus Heinrich Wigand, erschienen in Hamburg 1812.

„Die Ungunst bei der Beckenendlage trifft zwar nicht die Mutter aber die Kinder, von denen ein großer Teil um der Lage willen zu Grunde geht“, schrieb Paul Zweifel (1848–1927) im Jahr 1895.

Schon Hippokrates hatte die Beckenendlagengeburten als gefährlich erkannt. Im alten Rom wurden solche Geburten als partus agrippini bezeichnet. Die Kinder galten als schwierige, mit großer Not Geborene, die als dem Tode Entronnene zum Unheil der Welt gesendet seien. Das war ein über Jahrhunderte bestehender Aberglaube, der durch Agrippa, Domitius, Nero, Richard III und Louis XV als belegt galt.

Franz von Winckel schrieb in seinem 1888 erschienenen „Lehrbuch der Geburtshilfe“: „Obwohl die äußere Wendung schon 1807 durch Wigand empfohlen und nach und nach anerkannt worden ist, so wird sie doch entschieden noch seltener ausgeführt, als sie es verdient und als sie indiciert ist. Ein Grund der so seltenen Anwendung derselben liegt gewiss darin, dass bis in die letzten Jahre hinein nicht Rücksicht genug auf die äußere Untersuchung gelegt worden ist“.

Eduard Arnold Martin hatte bis zum Ende des Jahres 1849 aus der Literatur 31 Verläufe von Geburten nach Wendung zusammengestellt. Alle Mütter hatten gelebt, zwei Kinder starben durch das Wendungsmanöver. Das Ergebnis war damit deutlich besser als das der inneren Wendung oder Extraktion. Die Erfolgsquote für eine gelungene äußere Wendung lag bei 40–50%. Gleiche Häufigkeit des Erfolges wird auch heute noch angegeben. „Einen sicheren Erfolg darf man von der äußeren Wendung nicht erwarten“, schrieb Max Runge (1849–1909) 1881 in seinem Lehrbuch. Dabei ist das Wendungsmanöver nach seiner Schilderung ganz einfach: „Große Beweglichkeit der Frucht ist Bedingung. Am besten wird dieselbe noch bei stehender Blase ausgeführt … Für die Ausführung ist weder Narkose, noch besondere Lage erforderlich. Man drückt den Theil, auf den man wenden will, nach unten, den entgegengesetzten Theil nach oben“ – und fertig ist die Wendung nach Runge. Ganz so einfach war die Wendung auch damals noch nicht.

Heute wird eine CTG-Kontrolle empfohlen, dann eine intravenöse Tokolyse. Die Wendung soll dann in Sectiobereitschaft stattfinden. Aktuell wird ein Wendungsversuch empfohlen von dem „American Congress of Obstetricians and Gynecologists“ (2006) und vom „British Royal College“. Die DGGG stellt die Beckenendlage als Risikogeburt dar und fordert entsprechende Beratung. Mit einer erfolgreichen Wendung lässt sich die Sectiorate reduzieren. Aber die statistischen Zahlen zeigen, dass die Beckenendlagen in Deutschland weitgehend durch einen Kaiserschnitt beendet werden. Demzufolge kann die Entwicklung von Kindern aus Steißlage nicht von allen Geburtshelfern beherrscht werden. Im Jahr 2015 wurden Erstgebärende mit Kindern in Beckenendlage zu 93,8% in Bayern durch Kaiserschnitt entbunden.

Es ist leichter ein guter Caesarist als ein guter Geburtshelfer zu sein“. Mit diesem Zitat von Hans Zacher (Wien, 1955) möchte der Autor aber nicht erneut die Diskussion nach der idealen Sectiofrequenz entfachen.