Pädiatrie up2date 2021; 16(01): 39-53
DOI: 10.1055/a-0892-1155
Infektionskrankheiten

Antibiotic Stewardship (ABS) in der stationären Kinder- und Jugendmedizin

Arne Simon
,
Johannes Forster
,
Johannes Liese

Viele Antibiotikaanwendungen in der Klinik sind nicht indiziert oder erfolgen nicht adäquat. Im klinischen Alltag ist die Antibiotikaverordnung „Tagesgeschäft“. Oft kommen dabei Regime zur Anwendung, die lange tradiert sind oder für die keine klare Evidenz besteht. Die notwendige Verbesserung dieser Praxis erfordert eine grundlegende Verhaltensänderung, wofür die konkreten Abläufe des Antibiotikaeinsatzes im Krankenhaus analysiert werden müssen.

Kernaussagen
  • Antibiotic Stewardship (ABS) soll in der stationären Kinder- und Jugendmedizin für die Patienten die bestmögliche Diagnostik und Therapie sicherstellen und langfristig das Risiko der Selektion antibiotikaresistenter Erreger reduzieren. Ein nachhaltiges ABS benötigt strukturell-organisatorische und personelle Voraussetzungen.

  • Bei „ABS-Visiten“ werden Diagnostik und Therapie fallbezogen auf Augenhöhe besprochen und nach Möglichkeit optimiert („Handshake Stewardship“). Dabei sind die ABS-Ärzte in der Regel beratend tätig.

  • Eine Grundvoraussetzung für eine gezielte und leitlinienkonforme Behandlung ist eine adäquate Diagnostik nach interner SOP vor Beginn der Antibiotikatherapie.

  • Die perioperative Antibiotikaprophylaxe (PAP) muss in Hinblick auf die Auswahl des Antibiotikums, das Verabreichungsschema und vor allem auf die Dauer der PAP optimiert werden.

  • Aufgrund einer meist nicht überprüften „Penicillin-Allergie“ erhalten Kinder nicht die Antibiotika der 1. Wahl. Deshalb ist bei jedem Kind mit vermeintlicher Penicillin-Allergie abzuklären, ob eine solche tatsächlich besteht.

  • Drug Monitoring kann dazu beitragen, Elimination und Erreichen des therapeutischen Zielbereichs zu überprüfen.

  • In kinderonkologischen Abteilungen, insbesondere solchen, die Stammzelltransplantationen durchführen, ist die Verordnungsdichte von Antibiotika besonders hoch.

  • Patienten, deren antibiotische Therapie über die Entlassung hinaus fortgeführt wird, benötigen einen dezidierten Medikamentenplan, in dem die einzunehmende Dosis und die geplante Dauer der Therapie verständlich dargestellt sind.

  • Im ambulanten Versorgungssektor (inkl. Notfallambulanzen in Kliniken) finden mehr als 80% aller Antibiotikaverordnungen statt. Der Einsatz von Antibiotika im ambulanten Bereich (vor allem die medizinisch nicht indizierte, im Wirkspektrum zu breite und zu lange Anwendung von Antibiotika) korreliert signifikant mit der Selektion antibiotikaresistenter Erreger.



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Publication Date:
05 March 2021 (online)

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