Fortschr Neurol Psychiatr 2019; 87(08): 429-435
DOI: 10.1055/a-0863-4501
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Es ist nicht nur die Transportzeit – Das „Drip and ship“-Verfahren kostet Zeit

It is more than transportation time only: “Drip and ship” delays endovascular thrombectomy in stroke
Oliver Neuhaus
1  SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen GmbH, Klinik für Neurologie
,
Rainer Schimana
1  SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen GmbH, Klinik für Neurologie
,
Dietmar Bengel
2  Oberschwabenklinik gGmbH, Klinik für Neurologie
,
Thomas Staudacher
2  Oberschwabenklinik gGmbH, Klinik für Neurologie
,
Ulf Ziemann
3  Universitätsklinikum Tübingen, Neurologische Universitätsklinik
,
Florian Hennersdorf
4  Universitätsklinikum Tübingen, Radiologische Universitätsklinik, Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie
,
Nico Prey
5  Oberschwabenklinik gGmbH, Klinik für Neuroradiologie
,
Alfons Bernhard
5  Oberschwabenklinik gGmbH, Klinik für Neuroradiologie
› Author Affiliations
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Publication History

eingereicht 07 February 2019

akzeptiert 12 February 2019

Publication Date:
19 March 2019 (eFirst)

Zusammenfassung

Hintergrund Zur Akutbehandlung des ischämischen Schlaganfalls werden die intravenöse Thrombolyse (IVT) und die endovaskuläre Thrombektomie (EVT) eingesetzt. In Deutschland gibt es etwa 110 überregionale Stroke Units mit und etwa 200 regionale Stroke Units ohne rund um die Uhr angebotene EVT. Die IVT wird in allen Stroke Units durchgeführt. Die Mehrheit der Patienten mit akutem Schlaganfall wird primär den regionalen Stroke Units zugewiesen. Neben der IVT vor Ort muss in Zusammenarbeit mit überregionalen Stroke Units im Sinne lokaler Netzwerke auch die EVT angeboten werden. Ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichtes definiert den Parameter „Transportzeit“ neu, was zu einer erheblichen finanziellen Bedrohung regionaler Stroke Units führen kann. Diese Studie untersucht beispielhaft retrospektiv die Akutbehandlung an einer regionalen Stroke Unit im Jahr 2016.

Methoden Die Akuttherapie aller Patienten, die in der regionalen Stroke Unit der SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen im Jahr 2016 mit den Entlassdiagnosen ischämischer Schlaganfall (ICD 10: I63) oder transitorische ischämische Attacke (TIA; ICD 10: G45) behandelt wurden, wurde retrospektiv analysiert. Kooperiert wird mit den benachbarten überregionalen Stroke Units der Oberschwabenklinik Ravensburg und der Universitätsklinik Tübingen.

Ergebnisse 2016 wurden 299 Patienten mit ischämischem Schlaganfall und 168 Patienten mit TIA behandelt, dazu kamen 41 Patienten mit intrazerebraler Blutung (ICD 10: I61). Einhundertneunzehn dieser 508 Patienten kamen mit Symptombeginn im Zeitfenster < 4,5 Stunden in die Notaufnahme. Bei 52 Patienten wurde eine IVT durchgeführt. Bei 21 Patienten (11 mit, 10 ohne IVT) erfolgte die Verlegung zur EVT, die nach erneuter Sichtung bei 15 Patienten tatsächlich durchgeführt wurde. Die CT-zu-Leiste-Zeiten lagen mit 180 Minuten im Median mehr als doppelt so hoch wie bei primärer Zuweisung in das Zentrum (im Median 88 Minuten). Die etwa 90 Minuten Zeitverzögerung setzten sich aus den vier Faktoren Bilderübermittlung und Fallbesprechung mit dem Zentrum, Entscheidung zum Transport bis zur Bereitstellung des Transportmittels, reiner Transportzeit und Reevaluation teils mit erneuter Bildgebung im Zentrum zusammen.

Diskussion Die primäre Zuweisung von Patienten mit akutem Schlaganfall in regionale Stroke Units, die keine EVT anbieten, führt zu einer nicht verhinderbaren Zeitverzögerung, bis die EVT im weiterversorgenden Zentrum begonnen werden kann. Implikationen für aktuelle und künftige Versorgungsstrukturen werden diskutiert.

Abstract

Background Intravenous thrombolysis (IVT) and endovascular thrombectomy (EVT) are acute therapies approved for ischemic stroke. In Germany there are approximately 110 supra-regional stroke units with and approximately 200 regional stroke units without 24 / 7 EVT. Regional stroke units must cooperate with supra-regional stroke units in order to offer EVT if indicated. In the current paper, we discuss the time delay due to secondary transportation from regional to supra-regional stroke units.

Methods Acute stroke therapy of all patients treated at the regional stroke unit of the SRH Clinics in Sigmaringen in 2016 was analysed retrospectively. Sigmaringen cooperates with the supra-regional stroke units of the Oberschwabenklinik Ravensburg and the University Hospital Tübingen.

Results A total of 299 patients with ischemic stroke and 168 patients with transient ischemic attack (TIA) were treated at the Sigmaringen stroke unit. Of these, 52 patients received IVT and 21 patients were transferred for EVT; of these, 15 patients actually underwent EVT after their cases were reviewed. The CT-to-Groin-times were more than double as long as compared to those in patients directly admitted to the supra-regional stroke units (median 180 minutes vs. 88 minutes).

Discussion Primary admission of patients with acute stroke to regional stroke units without EVT prolongs the CT-to-Groin time. Implications of this knowledge on current and future patient care structures are discussed.