Sportphysio 2019; 07(02): 53
DOI: 10.1055/a-0862-9934
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gelingt uns der Blick in die Glaskugel?

Matthias Keller
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Publication Date:
03 May 2019 (online)

Mit diesem Heft möchten wir uns mit dem Schwerpunkt „Risikoscreening“ auf ein international viel diskutiertes Feld begeben [1], [2]. Risikoscreening ist ein eigenständiger Bereich, der nicht mit Verletzungsprädiktion oder dem Pre-Injury- bzw. Baselinescreening verwechselt werden sollte. Nur eine klare Abgrenzung dieser Begrifflichkeiten hilft uns dabei, Screening- und Testverfahren zu verstehen und richtig zu interpretieren. Um die richtigen Schlüsse für Interventionen ziehen zu können, ist es erforderlich, die veränderbaren Faktoren zu filtern, die ein Risiko für eine Verletzung darstellen können.

Geht es um die Vorhersage von Verletzungen, wünschen wir uns, einen Blick in die magische Glaskugel werfen zu können. Leider müssen wir aber einsehen, dass die Vorhersage einer Verletzung selbst dann nicht möglich ist, wenn wir die Risiken kennen [1]. Schon das Ausüben einer Sportart selbst birgt ein nicht vorhersehbares Risiko, das von vielen Faktoren abhängt. Wenn wir jedoch nach heutigem Wissen keine Verletzungen vorhersagen können, muss unser Augenmerk darauf liegen, die veränderlichen/beitragenden Faktoren zu beeinflussen, die das Risiko für eine Verletzung erhöhen. Hierfür müssen wir Bewegungsmuster analysieren, Auffälligkeiten finden und daraus unsere therapeutischen Schlüsse ziehen [2].

Blicken wir einmal über den Tellerrand des „muskuloskelettalen“ Screenings hinaus: In der Alzheimer-Forschung gibt es Möglichkeiten, mit der Untersuchung bestimmter Proteine im Blutbild diese Krankheit vorauszusagen, lange bevor die ersten Symptome auftreten [3]. Weil sich die technischen Möglichkeiten rasant entwickeln, müssen wir uns vor Augen halten, dass es in den nächsten Jahren durch die Digitalisierung eine Vielzahl an Chancen geben wird, Risiken genauer zu bestimmen. Auch in der Vorhersage von Verletzungen werden sich neue Möglichkeiten auftun. Eine Herausforderung wird dann sein, wie wir die gewonnenen Erkenntnisse unseren Sportlern und Patienten mitteilen. Wie gehen wir dann mit einem Sportler um, von dem wir wissen, dass er sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 89 % in den nächsten zwei Jahren am Knie verletzen wird?

Gerade weil wir diese Frage nicht abschließend beantworten können, war es uns wichtig, das Thema Risikoscreening in dieser Ausgabe aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Daher freuen wir uns, dass wir neben Therapeuten und Wissenschaftlern auch Vertreter der Kostenträger für einen Beitrag gewinnen konnten, um das Thema Risikoscreening umfassend darzustellen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Matthias Keller