Psychother Psychosom Med Psychol 2020; 70(01): 22-31
DOI: 10.1055/a-0851-6758
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Warum gerade ich? – Subjektive Krankheitsursachen und Zusammenhänge zu sozialen Faktoren und wahrgenommener Stigmatisierung bei Brust-, Prostata-, Darm- und Lungenkrebspatienten

Why Me? – Causal Attributions and their Relation to Socio-Economic Status and Stigmatization in Breast, Colon, Prostate and Lung Cancer Patients
Julia Roick
1  Institut für Medizinische Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle
2  Department für Psychische Gesundheit, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitatsklinikum Leipzig, Leipzig
,
Peter Esser
2  Department für Psychische Gesundheit, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitatsklinikum Leipzig, Leipzig
,
Beate Hornemann
3  Universitatsklinikum Carl Gustav Carus, Universitäts Krebs-Centrum (UCC), Dresden
,
Anja Mehnert
2  Department für Psychische Gesundheit, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitatsklinikum Leipzig, Leipzig
,
Jochen Ernst
2  Department für Psychische Gesundheit, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitatsklinikum Leipzig, Leipzig
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Publikationsverlauf

eingereicht 10. Juli 2018

akzeptiert 17. Januar 2019

Publikationsdatum:
03. April 2019 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund Subjektive Krankheitsursachen gehen vielfach mit Selbstbeschuldigung und Schamgefühlen einher. Diese psychosozialen Belastungen können durch mögliche Stigmatisierungserfahrungen verstärkt werden. Die vorliegende Studie untersucht Annahmen zu subjektiven Krankheitsursachen von Krebspatienten und prüft Zusammenhänge mit sozialen Faktoren und dem Grad erlebter Stigmatisierung.

Methoden Im Rahmen einer bizentrischen Studie wurden 858 Patienten mit Brust-, Darm-, Lungen oder Prostatakrebs quantitativ befragt, von denen 815 in die Berechnungen eingingen. Subjektive Krankheitsursachen wurden durch ein Fragenset aus 17 Items mit den wichtigsten Ursachen von Krebserkrankungen erhoben und Stigmatisierung anhand der SIS-D (Social Impact Scale) erfasst. Die Daten werden uni- und multivariat ausgewertet.

Ergebnisse Das Durchschnittsalter liegt bei 60 Jahren, 54% sind männlich. Die Mehrheit der Patienten (95%) führt multiple Krankheitsursachen an. Umwelt wird von allen Entitäten als der wichtigste Einflussfaktor bewertet (M=3,0). Schuld/Strafe Gottes und Ansteckung wird am wenigsten Einfluss beigemessen (M=1,1). Ursachen, die auf den Lebensstil zurückzuführen sind, korrelieren nicht höher mit stigmatisierenden Aussagen als externe Ursachenannahmen (r=0,07–0,38). Patienten mit höherem Einkommen sehen weniger psychosoziale Faktoren (Beta=− 0,051 bis −0,086), Rauchen (Beta=− 0,087) und Schuld/Strafe Gottes (Beta=− 0,023) als Ursache ihrer Erkrankung. Je niedriger die Bildung, desto mehr Einfluss wird der Ansteckung (Beta=− 0,019) als Ursache beigemessen.

Schlussfolgerung Tatsächliche Krebsursachen und -risiken werden nur teilweise als solche eingeschätzt (z. B. Ernährung), während andere unterschätzt werden (z. B. Alkohol). Zukünftige Interventionen zur Aufklärung über Krebsursachen sollten v. a. Patienten mit niedriger Bildung fokussieren.

Abstract

Background Causal attributions can result in self-incrimination and psychosocial burden. Therefore, the present study assessed assumptions about subjective causes of cancer and examines their relationships with social factors and perceived stigmatization.

Methods In a bicentric study, 858 patients with breast, colon, prostate or lung cancer were given standardized questionnaires. Of these, n=815 were included in the analyses. Causal attributions were assessed using a set of 17 items including main causes of cancer. Stigmatization was assessed with the Social Impact Scale (SIS-D). The data are evaluated uni-and multivariable.

Results The mean age is 60 years, 54% are male. The majority of the patients (95%) state multiple causes of their disease. Environment is considered to be the most important influencing factor (M=3.0) by all cancer sites. The lowest influence is attributed to guilt/god’s punishment (M=1.1). Causal attributions which are due to the lifestyle factors showed no higher correlations with stigmatizing attitudes than external attributions (r=0.07–0.38). Psychosocial factors (Beta=− 0.051 bis −0.086), smoking (Beta=− 0.087) and guilt/god’s punishment (Beta=− 0.023) have been stated lowest in patients with high income. The lower the education of the patient the higher rated is the influence of contagion (Beta=− 0.019).

Conclusion Actual cancer risks are only partially taken into account as disease causes (e. g. nutrition), while others are underestimated (e. g. alcohol). Future cancer education interventions should focus on low-educated patients.