Der Notarzt 2019; 35(06): 347-357
DOI: 10.1055/a-0821-9066
Zusatzweiterbildung Notfallmedizin
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Prähospitale Strategie beim Tauchunfall

Prehospital Strategies in Diving Accidents
Thomas Wunderlich
,
Michael Kranich
,
Enrico Staps
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Publication History

Publication Date:
04 December 2019 (online)

Zusammenfassung

Obwohl wir im Rettungsdienst sehr selten mit Tauchunfällen konfrontiert sind, ist es wichtig, mit dem Tauchen in Verbindung stehende Erkrankungen zu erkennen bzw. durch das Szenario „Tauchunfall“ nicht andere Erkrankungen zu übersehen oder falsch zu interpretieren. Die zielführende Therapie bei einer schweren Dekompressionserkrankung ist eine hyperbare Oxygenation. Wegen der geringen Verfügbarkeit von Druckkammern in Deutschland müssen die korrekten einsatztaktischen Entscheidungen frühzeitig getroffen werden.

Abstract

Diving accidents are potentially life-threatening events requiring immediate and proper medical treatment. Decompression illness (DCI) comprises decompression sickness (DCS) and arterial gas embolism (AGE). Common to both is the formation of gas bubbles in the blood and tissues caused by a rapid decline in ambient pressure when surfacing from scuba diving. There might also occur barotraumata of air-filled cavities such as the middle ear or the paranasal sinuses. Due to the wide range of possible symptoms especially of decompression illness (DCI) the correct detection of a diving accident can be difficult and may delay adequate treatment. Vice versa diseases not related to diving may be misinterpreted as diving accidents. Prehospital therapy primarily means the administration of highly concentrated oxygen and fluid substitution with cristalloids. The definite care for DCI involves treatment with hyperbaric oxygen in a pressurized treatment chamber. For this reason as well as air physiological particularities the transportation of the patient is also a logistic challenge and time consuming. In conclusion the detection, treatment and transportation of the patient to an adequate treatment facility demands elaborate strategies and considerations implying the knowledge of the diving pathophysiological specifics.

Kernaussagen
  • Schwere Tauchunfälle sind im Rettungsdienst eine seltene Ausnahme, sie sind jedoch potenziell lebensbedrohliche und zeitkritische Ereignisse. Eine kausale Therapie kann nur in einer der wenigen zur Verfügung stehenden Druckkammern durchgeführt werden.

  • Durch die Vielzahl an möglichen Symptomen, die nicht ausschließlich im Kontext mit dem Tauchen bzw. einer Überdruckexposition auftreten, kommt der Anamnese bei der Diagnose einer Dekompressionserkrankung erhebliche Bedeutung zu. Ebenso wichtig ist es, offensichtlich mit dem Tauchen bzw. einer Überdruckexposition in Verbindung gebrachte Symptome nicht fehlzudeuten und ggf. eine internistische bzw. neurologische Erkrankung nicht zu übersehen.

  • Im Falle einer Dekompressionserkrankung (DCI) müssen rasch entsprechende therapeutische Maßnahmen (High-Flow-Sauerstoff-Gabe und Flüssigkeitssubstitution) im Rahmen der standardisierten notfallmedizinischen Versorgung eingeleitet werden.

  • Nach Differenzierung in die milde resp. schwere Form muss entschieden werden, ob bei Verfügbarkeit von Transportmittel und Druckkammer der Transport direkt vom Notfallort in ein Krankenhaus mit Druckkammer erfolgen kann. Bei Unsicherheiten kann rund um die Uhr unter den entsprechenden Telefonnummern ein Expertenrat eingeholt werden.

  • Die Informationen über nächstgelegene, einsatzbereite Druckkammern sollten von den Leitstellen abgefragt werden.