Diabetes aktuell 2019; 17(01): 1
DOI: 10.1055/a-0799-9331
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Quo vadis, Diabetes mellitus 2019?

Antje Bergmann
1  Dresden
,
Peter E.H. Schwarz
2  Dresden
› Author Affiliations
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Publication Date:
27 February 2019 (online)

Erste Berichte zeigen, dass wir den Diabetes immer später diagnostizieren. Das ist bedauerlich, da wir heute mehr denn je in der Lage sind, Diabetes frühzeitig zu behandeln oder frühzeitig zu verhindern. Kommen wir aber mit unserer Diagnose zu spät, vergeben wir uns sehr viele Chancen, den Patienten ein besseres Therapie-Outcome und eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen. Wir müssen also überlegen, wie wir Risiken frühzeitiger erkennen können. Wie können wir bei einem Adipösen früher diagnostizieren und wie können wir Risikopersonen Angebote machen, die ihnen helfen, die Entwicklung hin zum Diabetes zu verhindern?

Wir erleben im Moment eine Phase, in der die Digitalisierung sich emanzipiert. Digitale Angebote versuchen nicht nur analoge Prozesse zu kopieren, sondern werden innovativ und eigenständig. Digitale Tools ermöglichen, viel näher an den Patienten heranzukommen, als wir das in der klassischen ambulanten Praxis jemals können. Apps auf Smartphones können Verhalten von Patienten algorithmisch erfassen und diesen dann gezielte Angebote oder individualisierte Angebote unterbreiten. Wo der eine sagt, dass ist zu viel gläserner Patient, sagt der andere, das ist eine Chance in der ambulanten Begleitung von chronisch Kranken, die wir so in der Vergangenheit nie hatten. Wir sind praktisch in der Hosentasche unserer Patienten und wir sollten dieses Potenzial, das uns an die Hand gegeben ist, nutzen und uns nicht aus der Hand nehmen lassen. Apps, die den Patienten zwischen ambulanten Visiten begleiten und die Therapieadhärenz fördern, können segensreich sein. Apps, die den Menschen mit Diabetesrisiko unterstützen, einen den Diabetes verhindernden Lebensstil mit mehr Alltagsaktivität umzusetzen, können einen Quantensprung in der Präventionskultur darstellen. 2019 wird die erste Diabetespräventions-App „Videa“, die von allen Krankenkassen in Deutschland erstattet wird, auf den Markt kommen. Der Gesetzgeber hat die Möglichkeit geschaffen, dass rein digitale Präventionsprodukte zu Lasten der GKV angewandt werden dürfen – das ist ein Quantensprung und sollte uns alle motivieren, solche Präventions-Apps in unserer Alltagspraxis einzusetzen.

CGM- oder FGN-Verfahren haben in den letzten Jahren die Diabetologie grundlegend verändert. Wir lernen den Diabetes neu kennen und wir lernen auch unsere Patienten neu kennen. Das hat es in der Vergangenheit nicht gegeben, dass Patienten bewirkt haben, dass der Gesetzgeber Erstattungsrichtlinien verändert. Die Patienten haben das im Hinblick auf die Anwendung von FGN geschafft. 2019 werden wir noch ein oder zwei neue Sensoren erleben, und dieser unblutige Weg der Blutzuckermessung wird voranschreiten. Was ist aber mit kontinuierlicher Glukosemessung beim Gesunden? Wir wissen sehr viel über Blutzuckerverläufe beim Diabetiker, aber bei Gesunden? Studien zeigen, dass im Hinblick auf eine nachhaltige Lebensstiländerung die Erfahrung des eigenen Gewebszuckerverlaufes beim Gesunden sehr stimulierend sein kann. Dass die Hand voll Weintrauben oder eine kohlenhydratreiche Mahlzeit zu Blutzuckerspitzen führt, vergisst der Gesunde nicht wieder, wenn er sie einmal gesehen hat. Das hat ein starkes Potential, den Lebensstil beim Gesunden zu beeinflussen. Ist das eine Option auch für die Prävention der Erkrankung? Wir denken, 2019 werden wir solche Anwendungen erleben.

Die Anwendung technischer Tools hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass Patienten selbstständiger und eigenverantwortlicher geworden sind. Schon vor 35 Jahren, mit Entwicklung der Schulungsprogramme, wurde Empowerment und Selbstmanagement des Patienten in der Diabetologie obenan gestellt. Heute erleben wir die Möglichkeit, dass Patienten durch technische Innovation den Diabetes fast autark behandeln können und wir glauben, dass 2019 ein Jahr werden könnte, wo wir einen substanziellen Teil der Verantwortung für die Behandlung unserer Patienten gegebenenfalls an die Patienten zurückgeben.