PiD - Psychotherapie im Dialog 2019; 20(04): 96-98
DOI: 10.1055/a-0771-8000
Interview
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Was ist therapeutische Kompetenz?

Interview mit dem erfahrenen Lehrtherapeuten und Institutsleiter Prof. Michael Geyer
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Publication Date:
28 November 2019 (online)

Herr Professor Geyer, wie sollte Ihrer Meinung nach Kompetenz eingeschätzt werden?

Der Satz „Wer Erfolg hat, hat Recht“ gilt in der Psychotherapie nicht, wenn wir den kurzfristigen Erfolg betrachten. Jeder Scharlatan kann in den ersten Stunden ähnlich gute Erfolge erzielen wie ein ausgebildeter Psychotherapeut. Die Stunde der Wahrheit kommt jenseits der 15. Stunde, bezogen auf die Langzeitwirkungen sogar erst 2 Jahre nach Behandlungsende. Nur Psychotherapeuten, die dann noch Erfolge verbuchen, sind tatsächlich erfolgreich. Insofern lässt sich die Kompetenz leider erst nach einiger Zeit feststellen, wenn Katamnesen vorliegen. Letztlich beurteilt jedoch der Patient, ob die Therapie hilfreich war.Die Kompetenzeinschätzung durch externe Beobachtung erscheint mir bislang nicht sehr fundiert. Dafür ist die Ausbildungsforschung noch nicht weit genug. Auch unter Lehrtherapeuten ist man sich uneinig, welche Kriterien eine objektive Beurteilung zulassen. Daher empfehle ich, Bewertungen und Prüfungen, in denen die Kompetenz eines zukünftigen Psychotherapeuten eingeschätzt wird, mit mehreren Personen durchzuführen. Dies schafft immerhin eine gewisse intersubjektive Objektivität.