Fortschr Neurol Psychiatr 2018; 86(08): 462-463
DOI: 10.1055/a-0657-1100
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Was steckt hinter der Angst? Neuronale Schaltkreise identifiziert

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Publikationsdatum:
20.August 2018 (online)

Laut Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden beinahe 10 % der Bevölkerung an Angst und / oder Depression. Besonders alarmierend ist, dass die Anzahl von 1990 bis 2013 drastisch angestiegen ist, nämlich um fast die Hälfte – von 416 auf 615 Millionen Menschen weltweit. Da es für viele Patienten immer noch keine angemessene Therapie gibt, hoffen die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI), durch ihre Forschung zur Entwicklung neuer, effektiverer Behandlungsmöglichkeiten beizutragen.

In einer früheren Studie konnte die Arbeitsgruppe vom MPI bereits zeigen, dass das Corticotropin freisetzende Hormon (CRH), das eine wichtige Rolle bei der Signalverarbeitung in dopaminergen Neuronen spielt, Angst unterdrücken kann.

In ihrer neuesten Studie hat die Gruppe ihre Forschung ausgeweitet und gibt mechanistischere Einblicke in den angstlösenden Schaltkreis des CRH. In dieser Studie beschreiben die Wissenschaftler den Ursprung des Schaltkreises im erweiterten Mandelkern, einer kleinen Region im Gehirn, in einer Population von GABAergen Neuronen, die CRH produzieren. Sie verfolgten die Spur dieser Neuronen und fanden heraus, dass sie auf eine Region im Mittelhirn projizieren, die VTA genannt wird und als einer der Hauptproduzenten für Dopamin im Gehirn gilt. Es ist bekannt, dass das VTA eine Schlüsselrolle im Belohnungssystem und bei Suchterkrankungen spielt. Hier aber erklären die Autoren die Wechselwirkung von CRH und Dopamin bei angstähnlichem Verhalten. Die CRH enthaltenden Projektionsneuronen des erweiterten Mandelkerns zielen auf CRH-Rezeptoren in dopaminergen VTA-Neuronen. Demzufolge kann dieser Schaltkreis die dopaminerge Übertragung und somit emotionales Verhalten regulieren.

Den Forschern war bekannt, dass CRH einer der Hauptakteure der Stressreaktion ist und dass ein hyperaktives CRH-System an neuropsychiatrischen Pathologien wie Gemüts- und Angststörungen beteiligt ist. In dieser Studie jedoch konnten sie zeigen, dass CRH nicht immer als aversives, stressauslösendes Neuropeptid fungiert. Vielmehr werden spezifische CRH-Schaltkreise benötigt, um einen positiven affektiven Zustand unter normalen, stressfreien Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Die Wissenschaftler waren überrascht, dass ein Teil der GABAergen CRH-Neuronen im erweiterten Mandelkern dendritische Dornen trägt und das postsynaptische Markerprotein Camk2a co-exprimiert. Diese Merkmale findet man gemeinhin häufiger in exzitatorischen, glutamatergen Neuronen. Die neue Studie deutet nun darauf hin, dass CRH-Neuronen im erweiterten Mandelkern vielfältiger sind als ursprünglich angenommen. Es gibt sowohl lokal projizierende Interneuronen als auch GABAerge Neuronen mit Dornfortsätzen, die über weite Strecken projizieren.

Abgesehen davon, dass sie aufzeigen will, wie CRH bei der Angstregulierung mit Dopamin zusammenwirkt, hofft die Arbeitsgruppe, dass diese Resultate dabei helfen werden, das Rätsel um die komplexen Stressschaltkreise und Netzwerke des Gehirns zu lösen.

Nach einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie